Innensenator Ehrhart Körting : "Wir müssen die Menschen schützen"

Ehrhart Körting hält Scientology für verfassungsfeindlich. Im Kampf gegen die Organisation warnt der Innensenator vor einer Dämonisierung und setzt vor allem auf Aufklärung.

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Innensenator Erhart Körting -Foto: ddp

Herr Körting, die Einschätzung der Scientology-Sekte hat sich offenbar verändert. Sind die Jünger von L. Ron Hubbard gefährlicher geworden?

Ich glaube nicht, dass die Einschätzung sich verändert hat. Die Innenminister des Bundes und der Länder haben schon 1997 in einem Grundsatzbeschluss zu dieser Organsation gesagt, dass sie Ziele verfolgt, die mit unserem demokratischen Staatswesen nicht vereinbar sind. Sie sind totalitär. Die Sekte hat in den letzten Jahren in Berlin kaum existiert, sie hat Hochburgen in Hamburg, Bayern und Baden-Württemberg. Die Situation in Berlin hat sich dadurch ein bisschen geändert, dass Scientology dieses Gebäude an der Otto-Suhr-Allee bezogen und viele Aktivitäten entwickelt hat.

Sie wollen jetzt einen Schwerpunkt auf die Prävention legen. Wo und wie soll die stattfinden?

Wir sehen bei einer solchen Organisation nicht vor allem die Frage: Kann man sie verbieten oder nicht? Es geht darum, Menschen davor zu schützen, in Fänge einer solchen Organisation zu geraten und dann finanziell ausgenutzt und abhängig zu werden. Das kann man nur mit Aufklärung über diese Sekte bewirken – auch über die anderen Sekten, die wir in der Stadt haben. Aufklärung muss vor allem an den Schulen stattfinden. Wir haben eine Internet-Darstellung mit den entsprechenden Links. Das sind in erster Linie Appelle an die Vernunft. Der Bereich Sekten der Jugendverwaltung soll, das hat SPD-Fraktionschef Michael Müller angekündigt, ausgeweitet, ein Sektenbeauftragter eingesetzt werden – so dass es noch mehr Ansprechpartner vor allem für Leute gibt, die aus solchen Sekten aussteigen wollen.

Wie geht es in Berlin weiter, was die Arbeit der Nachrichtendienste anbelangt? Werden Sie sich intensiver als bislang mit den lokalen Aktivitäten der Scientologen auseinandersetzen?

Das Bündel von Maßnahmen ist entscheidend. Ich habe immer gesagt: Scientology ist nicht primär eine Sache des Verfassungsschutzes. Es ist eine Organisation, die Menschen psychisch abhängig macht, sie finanziell ausnutzt und darüber hinaus auch noch eine totalitäre Ideologie vertritt. Aber diese Aufzählung zeigt, dass der Schwerpunkt bei der Immunisierung liegt: Ich muss Bürger davor bewahren, solchen Organisationen in die Fänge zu geraten. Dazu unternimmt der Bezirk etwas, die Innenverwaltung unternimmt etwas, die Jugendverwaltung. In den Schulen wird über Sekten aufgeklärt genauso wie über Rechtsradikalismus oder Ähnliches. Ich sage aber auch sehr deutlich: Scientology hat in unserer Berliner Gesellschaft eine völlig untergeordnete Bedeutung. Ich möchte auch nicht, dass wir durch eine Überdämonisierung dieser Kleinorganisation ein Gewicht verschaffen, das sie in der Realität gar nicht hat.

Bislang sprachen rechtliche Gründe gegen den Versuch, Scientology zu verbieten. Hat sich die Rechtslage geändert?

Das werden wir zu prüfen haben. Der Bundesinnenminister hat am Freitag schon deutlich gemacht, dass dies ein sehr schwieriges Feld ist. Im Vordergrund steht in einer freiheitlichen Demokratie immer die argumentative und politische Auseinandersetzung. Ein bisschen was hat sich durch eine Entscheidung des Verwaltungsgerichts Köln zu Scientology Deutschland geändert. Diese Entscheidung ist noch nicht rechtskräftig, sie geht noch vor das Oberverwaltungsgericht in Münster. Sie sagt aber mit einer Deutlichkeit, wie wir sie noch nie bei einem Verwaltungsgericht im Zusammenhang mit Scientology erlebt haben, dass Scientology nach Ansicht der Richter eine totalitäre, verfassungsfeindliche Organisation ist.

Sie sprachen von den Erfahrungen Ihrer Kollegen in Hamburg und Süddeutschland. Ist Scientology dort moderner und anziehender, etwa für junge Leute?

Ich habe nicht den Eindruck, dass Scientology bisher vor allem junge Leute anspricht. Aber aus den süddeutschen Ländern wurde berichtet, dass offensichtlich Scientology versucht, Mitglieder in bestimmten Firmen und deren Management und in bestimmten Bereichen der Verwaltung unterzubringen. Das kann ich für Berlin alles nicht bestätigen. Denn trotz eines großen Aufruhrs, den wir hier um Scientology und dieses Gebäude an der Otto-Suhr-Allee gehabt haben, bekomme ich bisher die Rückmeldung, dass Scientology trotz aggressiver Werbung bei den Berlinern nicht zu verfangen scheint.

Das Gespräch führte Werner van Bebber

Ehrhart Körting (65) ist Innensenator und leitet die Innenministerkonferenz der Länder. Er hält Scientology für verfassungsfeindlich, warnt aber vor einer Dämonisierung der Organisation.

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