Integration von Flüchtlingen : Parallelwelten sind auch ein Ausdruck von Stabilität

Wer in Parallelgesellschaften lebt, ist nicht integrierbar, heißt es. Das ist ein Klischee von gestern, meint Uwe Lehmann-Brauns (CDU) in einem Gastkommentar.

Uwe Lehmann-Brauns
Manchen gilt das Kopftuch als Zeichen von Parallelgesellschaften. Foto: dpa
Manchen gilt das Kopftuch als Zeichen von Parallelgesellschaften.Foto: dpa

In welcher Verfassung befindet sich die Stadtgesellschaft Berlins im Hinblick auf die zu ihr flüchtenden Menschen? Ein Blick auf die bisherige Integrationsleistung lohnt sich. Sie hat Zeit, Toleranz, Problembewusstsein gekostet, sie hat Begrifflichkeiten verändert.

Eine Einschätzung: Seit langem galt es als ausgemacht: Wer in Parallelgesellschaften lebt, ist nicht integrierbar. Dabei fällt der Blick auf die hier lebenden Ausländer, Türken, Araber. Denn, heißt es, Leute in Parallelgesellschaften beherrschten die deutsche Sprache nicht, nähmen an dem hiesigen Leben kaum teil, seien emotional ihrer ausländischen Heimat verhaftet und lebten jenseits der Stadtgesellschaft. Sie gehörten als Fremdkörper nicht dazu.

Bei genauerem Hinsehen erweisen sich solche Annahmen als problematisch. Sie gehen an der Realität in Kreuzberg, Neukölln etc. vorbei. Zunächst ist die Annahme unrichtig, Menschen, die ihre türkischen familiären, heimatlichen, sprachlichen Bindungen nicht aufgegeben haben, beherrschten die deutschen Regeln nicht, vor allem die Sprache. In der Stadtrealität sind die meisten in der Lage, deutsch zu sprechen, wenn es darauf ankommt, zum Beispiel sich mit Kunden, Gästen, Partnern, Behörden, Chefs, Kollegen auf deutsch zu verständigen. Dass sie ihre Muttersprache beherrschen, also zweisprachig leben, ist durchaus ein Vorteil.

Die familiären, heimatlichen Bindungen stehen dem nicht entgegen, helfen im Gegenteil, in dieser zunächst fremden, durchrationalisierten, kalten modernen Gesellschaft zu bestehen, in sie hineinzuwachsen. Parallelwelten sind dann nicht mehr Ausdruck von Fremdheit, Abgeschiedenheit, sondern im Regelfall von Stabilität und Teilnahme. Dieser Zusammenhang hat naturgemäß nicht sofort funktioniert, sondern Jahre der Eingewöhnung, Lernfähigkeit und Anpassung gebraucht. Heute ist er jedoch Realität. Der Hinweis auf Parallelwelten als Beweis misslungener Integration ist also ein Klischee von gestern. Auch Leute ohne Migrationshintergrund leben in Parallelwelten, in ihren Ideologien, ihren Vereinen, Parteien, Verbänden, Kiezen, einem zwanglosen Netzwerk sozialer Beziehungen.

Bleibt die Frage, ob deutsche Identität in Kreuzberg und Berlin verloren gegangen ist. Zweifelhaft schon, um welche Identität es sich in einer multinationalen Stadtgesellschaft handelt und wie sie sich definiert. Identität ist kein statisches, kollektives Merkmal, sondern ein sich stetig wandelnder, individueller Zustand, abhängig von Zeitläufen, Erlebnissen, Erfahrungen, Sozialisierung, Traditionen, Heimat. Wann liegt Heimat vor? Schwer zu sagen. Gibt es eine Berliner Identität?

Die „Berliner Mischung“ braucht keine andere Leitkultur. Sie hat sich selbst eine gegeben

Sind es der Jargon, die Ruppigkeit, Schnelligkeit, Kaltschnäuzigkeit der Oberfläche – aber welcher nicht hier Geborene, woher auch immer stammend (abgesehen von Schwaben) – verfügte nicht über dieselben Fähigkeiten? In den 50er Jahren empfand sich Berlin anders als in den 80er Jahren, heute anders als dazumal. Ohne sich in Begrifflichkeiten zu verlieren: Parallelwelten sind heute Berliner Welten, das Leben in zwei Kulturen, zwei Sprachen ein Stück Normalität. Identitäten von einst, mitgebracht aus der Türkei oder sonst woher, sind Bestandteil der hiesigen geworden, in einem Prozess wechselseitiger Durchdringung. Keine Identität bleibt was sie ist, sie ändert sich, gibt und nimmt, sie reformiert sich ständig. Diese „Berliner Mischung“ braucht keine andere Leitkultur. Sie hat sich selbst eine gegeben:

Friedliches Nebeneinander, utopie-, visionslos, jedem sein Erlebnisraum, gleichgültig woher und seit wann, langer Atem, Toleranz.

Die Stadt hat es also gelernt, Fremde und Flüchtlinge, auch solche aus Deutschland, aufzunehmen und zu Berlinern zu machen. Diese Stadtgesellschaft ist, einzelne Fehlentwicklungen und Missbrauch eingeräumt, stabil. Soweit, so gut. Bis heute. Angesichts Zehntausender Flüchtlinge geht es jetzt ins Offene.

Uwe Lehmann-Brauns (CDU) ist Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses.

 

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

34 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben