Berlin : "International Network of Actors": Private Schauspielschule in Pankow

Jasmin Jouhar

Sei ein Baum - so lautet die Aufgabe. Die acht Schauspielschüler bemühen sich, ihre Füße fest im Boden zu "verwurzeln" und ihre Arme sacht im Wind zu wiegen. Sie winden sich, ringen um Standfestigkeit. Bäume fallen so schnell nicht um, Schauspielschüler schon. Juan Monsalve drückt gegen das Knie eines Baums, verlangt nach Gegendruck. Als er seinen Fuß plötzlich wegzieht, knickt der Baum ein und wankt. Energisch schüttelt der Kolumbianer den Kopf und sagt etwas auf Spanisch. Matthias Poppe, der Leiter der Schule, übersetzt: "Das war aber noch kein Baum." Der kolumbianische Lehrer ist Gastdozent beim "International Network of Actors" (INAC), einer neugegründeten Schauspielschule in Pankow.

Zweiter Versuch: Der Baum schlägt erneut Wurzeln und konzentriert sich. Wieder nimmt Monsalve unvermittelt den Druck weg - doch der Baum tut, was ein Baum so tut. Er steht bewegungslos herum. Anerkennendes Nicken des Lehrers. Jetzt sind die anderen sieben Bäume dran - auch alles ziemlich wankelmütige Gewächse, wie sich schnell herausstellt. Es vergehen einige Minuten, bis der Wald steht.

Die acht "Bäume" beginnen gerade eine zweijährige Ausbildung beim INAC. Alle haben bereits Kontakt zu Theater und Schauspielerei gehabt und wollen ihre darstellerischen Fähigkeiten perfektionieren. Der 32-jährige Andreas Mühlbach verdient sein Geld als Serienschauspieler, etwa in "Hinter Gittern" bei RTL. Auch bei kleineren Filmproduktionen hat der gelernte medizinische Bademeister und Masseur mitgemacht. In der Privatschule will er eine verkürzte Vollausbildung absolvieren, denn "das bringt was". Das bisher Gelernte habe er beim Drehen schon einbauen können. Der kurzhaarige Mann mit den goldenen Ohrringen findet seinen eigenen Werdegang ungewöhnlich. "Wir gehen den umgekehrten Weg, nicht klassisch erst Schauspielschule, dann Theater, dann Film."

Nach Vorstellung von Schulleiter Matthias Poppe werden Andreas und die sieben anderen das INAC in Pankow als "absolute Spezialisten" verlassen. Sie sollen eine vielseitige Ausbildung erhalten: Treppen herunterrollen, und Schlägereien simulieren gehört ebenso dazu wie folkloristische Tänze und Improvisieren. Poppe will mit seinen Kollegen die strikte Trennung zwischen Theorie und Praxis aufheben. Es gibt keine Schulungsräume, alles "wird in der praktischen Arbeit vermittelt". Das bewahrt die Studenten jedoch nicht vor einer "umfangreichen" Literaturliste und regelmäßigen, schriftlichen Erfahrungsberichten. "Die sollen reflektieren, was sie gelernt haben", sagt Matthias Poppe.

Neben dem zweijährigen Kurs bietet das INAC einen einjährigen Kurs an, um Unentschlossenen die Entscheidung für oder gegen den Beruf zu erleichtern. In einer dreijährigen Vollausbildung können junge Anfänger zu Profi-Schauspielern werden. Auch die 33-jährige Manuela Lutz hat wie Seriendarsteller Andreas eine abgeschlossene Berufsausbildung: Sie ist Deutsch- und Musiklehrerin und verdient ihr Geld mit Instrumentalunterricht. Nach den zwei Jahren beim INAC möchte sie die Schauspielerei als Zweitberuf betreiben. Auch sie wendet das Erlernte schon an: "Ich unterrichte Kinder, da arbeite ich viel mit Bewegung und Rhythmus. Das kann ich gut mit Ideen aus dem Kurs verbinden." Leute wie Manuela oder Andreas haben alleine wegen ihres Alters wenig Chancen, in einer staatlichen Schauspielschule unterzukommen. Die Privatschule nimmt sie trotzdem, sogar ohne Eignungstest. "Wir haben eine Eignungsphase von zwei Monaten", erklärt Matthias Poppe, "wenn jemand in dem Beruf falsch ist, dann sagen wir ihm das auch." Prinzipiell sei die Schauspielerei für jeden zu erlernen. Die Voraussetzung: ein unbedingter Wille und körperliche und stimmliche Belastbarkeit.

Den wichtigsten Unterschied zwischen dem Institut und einer staatlichen Schauspielschule sieht Poppe in der Komplexität der Ausbildung. Poppe und seine sieben Kollegen wollen die Studenten mit verschiedenen, internationalen Theatertraditionen vertraut machen. Dabei vermitteln sie auch die Methodik: "Die Schüler sollen nicht nur lernen, sondern auch verstehen, warum sie etwas lernen", sagt Matthias Poppe. Am Ende der Ausbildung haben die Absolventen ein fertiges Casting-Band und verstehen etwas vom Produktionsmanagement. "Sie sollen eine eigene Company gründen können." Soweit denken die acht Schüler noch nicht. Ihre nächste Aufgabe: Sie sollen Hamlet und Ophelia darstellen - wie Tiger und Taube. Doch die schleichenden Bewegungen eines der Tiger-Hamlets finden keine Anerkennung. Der Kommentar des kolumbianischen Lehrers: "Das ist doch kein Tiger." Und die Tauben-Ophelia wirkt für Juan Monsalve nicht wie eine ehrenwerte Dame. Da ist zu viel Schwung in der Hüfte. "Weniger Unterleib" fordert er.

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