Interview mit Culcha Candela : „Man muss sich nicht anpassen“

Genau zehn Jahre ist es her, dass Culcha Candela mit „Hamma!“ einen Riesenhit landeten. Jetzt ist ein neues Album der Berliner Band erschienen.

"Du bist Hammer". Die Berliner Band Culcha Candela.
"Du bist Hammer". Die Berliner Band Culcha Candela.Foto: Promo

Die Berliner Band Culcha Candela bringt mit „Feel Erfolg“ ihr siebentes Album heraus. Zum Interview im Büro des Managements bei Croissants, Espresso und dem leisen Hintergrundsound von aufploppenden SMS erscheinen Sänger Johnny Strange, Sänger Don Cali und DJ Chino con Estilo. Sänger Itchyban, der die Band vor 15 Jahren gemeinsam mit Strange gegründet hat, stößt später dazu, entschuldigt sich aber rechtschaffen.

Was hat sich in 15 Jahren verändert?

Johnny Strange: Die Band ist ein Spiegel der Stadt, und Berlin hat sich in der Zeit sehr stark verändert, es kommen immer neue Leute, die Einflüsse vermischen sich. Auf unserem neuen Album ist das genauso – wir haben mit vielen neuen Menschen zusammengearbeitet, haben quasi eine Studiotour durch ganz Deutschland zu verschiedenen Produzenten gemacht. Das ist für uns eine ungewohnte Arbeitsweise – sonst haben wir immer alles in Berlin aufgenommen.

Wie hat sich das auf den Sound ausgewirkt?

Strange: Wir haben teilweise mit Leuten aufgenommen, die bis zu zehn Jahre jünger sind als wir – die bewegen sich noch ganz anders in der Musikszene, das hat uns frischen Wind gebracht.

Dass Ihr älter geworden seid, merkt man der Platte allerdings kaum an – da geht es immer noch größtenteils um Party...

Chino: Das Interesse an Party hat auch nicht gravierend nachgelassen. Wir gehen alle noch aus, vielleicht nicht mehr so exzessiv wie früher, aber das Bedürfnis ist noch da. Ist ja auch immer geil, mit Leuten zu connecten, der Stadt den Puls zu fühlen. Ich persönlich empfinde das Älterwerden nicht – ich muss immer nachdenken wenn mich jemand fragt, wie alt ich bin.

Wie alt bist Du denn?

Chino: Eben, da müsste ich jetzt nachdenken... wenn man ein bisschen rechnen kann, weiß man, dass wir alle so Mitte bis Ende 30 sein dürften.

Eure Platte transportiert in vielen Songs den Slogan „Mach dein Ding“ – wieso braucht man diesen Aufruf immer noch?

Chino: Weil Jugendliche sich immer noch schnell alles von außen diktieren lassen, von „Germanys Next Top Model“ oder irgendwelchen Influencern.

Aber die sagen doch auch alle immer: „Mach dein Ding“.

Chino: Die erwarten aber etwas ganz anderes: Dass man deren Ding macht. Ich glaube, die Botschaft, dass man okay ist wie man ist, sich nicht optimieren oder anpassen muss, die ist wichtiger denn je. Ich bin froh, dass wir das stark besetzt haben.

Strange: Wir haben das Thema ja auch nicht erfunden – aber es ist offenbar Zeitgeist.

In dem Song „Versace“ kritisiert ihr Mädchen, die nur auf Marken stehen - dagegen setzt ihr eine Frau, die „Jordan Einser“ trägt – ist das keine Marke?

Chino: Na ja, doch – aber eine Frau die sich mit teurem Bling-Bling umgibt, erwartet ja eventuell auch, dass ihr Freund ihr diesen Lebensstil ermöglicht, das versuchen wir mit dem Song zu kritisieren. Turnschuhe stehen für Dinge, die man auch länger tragen kann.

Gibt’s solche Frauen wirklich noch, die von dem Mann erwarten, dass er alles bezahlt?

Don Cali: Die werden nie aussterben!

Chino: Ich war mal auf einer Fußballerparty, da haben sich solche Frauen getummelt. Wie auf einer Messe – Angebot und Nachfrage. Da waren Frauen, die sich einfach einen Fußballer angeln wollten, damit sie ausgesorgt haben.

Strange: Das dürfen sie ja – die sollen eben auch ihr Ding machen. Das müssen ja keine schlechten Menschen sein!

Ist Markenmode im Pop- und Rapbereich generell ein größeres Thema als früher?

Strange: Musik funktioniert eben auch über Bilder, und Marken sind klare Statements – darum spielt so etwas tatsächlich eine größere Rolle. Früher war man als Rapper arm, kam aus dem Ghetto und rappte darüber – heute kann man damit Geld verdienen und rappt eben über den Lifestyle. Wir haben das Stilmittel Marke bei „Versace“ ebenfalls benutzt – aber in der Aussage umgedreht.

Seid Ihr als Multikulti-Band politisch?

Strange: Wir setzen uns schon lange für Flüchtlinge und gegen Nazis ein, machen Aktionen und Projekte …

Eure Musik sagt das aber nicht unbedingt aus, oder?

Strange: Wir haben uns bei „Feel Musik“ entschieden, über Partys zu singen - aus dem Grund, dass politische Musik nicht zwingend bedeuten muss, auch politische Texte zu machen. Beim Mainstreampublikum funktioniert es viel besser, Partys zu feiern – die agieren trotzdem, weil wir sie emotional erreichen. Und wenn sie dann feiern, können wir auch ernstere Themen reinbringen, durch Social Media, durch Projekte, die wir unterstützen.

Chino: Wenn man klare politische Musik macht, holt man nur die Leute ab, die ohnehin zustimmen würden, damit bewirkt man weniger.

Welche musikalischen Einflüsse hat die neue Platte?

Itchyban: Ich mag immer die neuesten Sachen am liebsten. Ich sehne mich nicht nach der „Goldenen Ära“ des Hiphop, nach alten Zeiten zurück. Wenn man etwas aktiv betreibt, sollte man am Puls der Zeit sein – ich finde Trap-Musik mit extremem Autotune sehr geil, viel geiler als 90er Jahre Sound. Young Thug finde ich irre.

Chino: Ich feiere extrem Afro-Trap, da gibt es krasse Künstler.

Don Cali: Afro-Trap gehört die Zukunft und macht Reggaeton Konkurrenz – obwohl Reggaeton gerade auch wieder kommt.

Feiert Ihr auch Rapperinnen?

Chino: Ja, auf unserem neuen Album, Ela, wir sind sehr stolz! International gibt es ein paar mehr – Nicki Minaj feiere ich unfassbar, weil sie Handwerk sehr gut beherrscht.

Itchyban: Ja, die ist ein krasses Gesamtkunstwerk. Aber in Deutschland – so ein aufgeklärtes Land, man kann seine Meinung sagen, es gibt beinahe Gleichberechtigung – aber keine Musikerinnen von diesem Kaliber. Woran liegt das? Das frage ich mich seit Jahren. Vielleicht ist unsere Gesellschaft doch noch nicht so offen und aufgeklärt. Sarah Connor ist der Beweis: Sie fängt an, auf Helene Fischer zu machen, Hausfrauenmusik – und hat damit den größten Erfolg in ihrer Karriere.

Culcha Candela spielen am 15. Oktober 2017 im Huxley's an der Hasenheide.

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