Interview mit Regula Lüscher : Warum es neue Architektur in Berlin so schwer hat

Ob Staatsoper oder Kulturforum - Berlins Senatsbaudirektorin Regula Lüscher steht oft in der Kritik. Im Tagesspiegel-Interview spricht sie über die Brachen und Baustellen der Stadt.

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Die Vision einer neuen Metropolenbibliothek ist erst mal perdu. Zu Lüschers Großbaustellen gehören neben der Staatsoper auch der Alexanderplatz und das Kulturforum.
Die Vision einer neuen Metropolenbibliothek ist erst mal perdu. Zu Lüschers Großbaustellen gehören neben der Staatsoper auch der...Foto: dpa

Frau Lüscher, als Mitgestalterin einer der aufregendsten Städte Europas haben Sie einen Traumjob. Fragt sich nur, wie Sie bei all den Baustellen vom Alex über die Historische Mitte bis zum Kulturforum und der Europa-City am Hauptbahnhof den Überblick behalten?

Berlin besteht aus den unterschiedlichsten Orten, die nicht alle gleich behandelt werden müssen. Das hilft bei der Orientierung. Ich mache mir Skizzen, markiere die Unterschiedlichkeiten. Die Europa-City zum Beispiel ist ein internationaler Ort; es gibt die Kulturorte wie die Museumsinsel und das Humboldt-Forum, aber auch das Kulturforum – den Ost-West-Kompass habe ich immer im Kopf. Dann gibt es das Thema Brachen, in Tempelhof oder Tegel. Und bei der riesigen Wohnungsbauwelle sowie der Frage, wie bei der erforderlichen Masse Qualität und Innovation nicht zu kurz kommen, denke ich auch über den S-Bahn-Ring hinaus.

Berlins Baustellen und Brachen
Senatsbaudirektorin Regula Lüscher auf ihrer derzeit umstrittensten Baustelle, der Berliner Staatsoper. Hier kam es zu mehrjährigen Verzögerungen, ein Wiedereröffnungstermin steht noch nicht fest.Alle Bilder anzeigen
1 von 9Foto: dpa
10.07.2014 19:00Senatsbaudirektorin Regula Lüscher auf ihrer derzeit umstrittensten Baustelle, der Berliner Staatsoper. Hier kam es zu...

Markieren Sie das mit Buchstaben? W für Wohnen, K für Kultur?
Als Architektin bin ich eher der gestalterische Typ, also zeichne ich Piktogramme, etwa ein Sofa und ein Bett fürs Wohnen.

Waren Sie enttäuscht über das Nein zur Randbebauung des Tempelhofer Felds?
Ja. Weil sieben Jahre lang sehr viel Energie in das Projekt geflossen ist. Eine solche Absage kann auch die Quittung dafür sein, dass allzu unterschiedliche Interessengruppen ins Boot geholt werden mussten – was man nicht immer öffentlich kommunizieren kann. Manchmal muss man einsehen, dass eine Stadtgesellschaft nicht am gleichen Punkt angekommen ist wie jene, die sich täglich mit der Dringlichkeit von Veränderungen auseinandersetzen. Es ist ein bisschen wie mit der IBA 2020, für die keine Gelder bewilligt wurden. Da heißt es kill your darlings. Aber die IBA-Vorarbeiten sind in unser Urban-Living-Programm mit Pilotprojekten für das Wohnen der Zukunft eingeflossen. Ohne die Grundlagen der IBA wäre Urban Living nicht so schnell zustande gekommen.

Fassaden der Hauptstadt
Erhaltene Dorfstruktur im Ortsteil Lübars in Reinickendorf.Weitere Bilder anzeigen
1 von 430Foto: Peter Wand
08.11.2016 14:51Erhaltene Dorfstruktur im Ortsteil Lübars in Reinickendorf.

Nicht nur in Tempelhof gab es Bürgerproteste. Warum hat neue Architektur es so schwer in Berlin?
Erstaunlicherweise wird sie weniger akzeptiert als andere Innovationen in der Kultur. Was daran liegen mag, dass Theater, Musik und Film ephemer, also flüchtig sind. Architektur hingegen ist da oder nicht da, als manifester Botschafter von Kultur und Geschichte. Weil diese Stadt eine immense materielle Zerstörung erlebt hat, ist die Sehnsucht nach Verlorenem und seiner Wiedersichtbarmachung besonders groß. Neue Architektur ist aber durchaus auch anderswo schwer zu vermitteln: Wir leben in einer bildaffinen Epoche, die Leute sehen vor allem die computergenerierten Bilder von Entwürfen. Auf denen lässt sich nicht zeigen, dass Architektur kein Bild ist, sondern Raum, Nutzung, Ton, Geruch.

Apropos Sehnsucht: Das Schloss ist Sache des Bundes. In Ihre Zuständigkeit fällt, ob der Neptunbrunnen und das Kaiser-Wilhelm-Reiterdenkmal an ihren ursprünglichen Ort zurückkehren. Sie sind dagegen?
Die Entscheidung, das Humboldt-Forum als modernes Gebäude mit zeitgenössischer Nutzung in das historische Kleid der Schlossrekonstruktion zu fassen, ist ein Projekt des 21. Jahrhunderts und seiner Gesellschaft. Deshalb sollte der öffentliche Raum der Umgebung zeitgenössisch gestaltet werden, schon weil die Straßen und Plätze heute nicht mehr von Kutschen befahren werden. Wobei in jedem Fall historische Bezüge hergestellt werden sollten. Und wer weiß, wie am Rathausforum entschieden wird: Vielleicht wird das Forum irgendwann derart überformt, dass der Neptunbrunnen dort keinen Sinn mehr macht. Es wäre aber ein Fehler, ihn jetzt zu versetzen.

Auf der Website der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt steht beim Rathausforum die schöne Vokabel Dialogprozess. Es findet sich aber kein einziger aktueller Veranstaltungstermin dazu. Müssten Sie nicht ständig Bürgerforen organisieren und als Vermittlerin auftreten?
Alle wollen jetzt Dialog- und Partizipationsverfahren, das ist richtig so. Aber die zu organisieren braucht Vorbereitungszeit. Die Finanzierer eines Projekts, die Nutzer, die politisch Verantwortlichen und die zuständigen Verwaltungen setzen sich an einen Tisch, so kenne ich das seit 20 Jahren. Dies ist bereits eine radikal andere Planungskultur als eine Top-Down-Planung, in der die Senatsbaudirektorin sagt, wie es aussehen soll. Bürgerpartizipation ist aber noch einmal etwas anderes. Die große Herausforderung besteht darin, auch diejenigen einzubinden, die nicht unmittelbar Verantwortung tragen, aber vor ihrer Haustür betroffen sind.

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