Interview mit Roncalli-Chef Bernhard Paul : "Der Zeitgeist ist mir scheißegal"

Als Clown und Zirkus-Gründer ist er weltweit populär. Jetzt kommt Bernhard Paul mit seinem Weihnachtszirkus nach Berlin. Der Roncalli-Direktor über seine Hassliebe zu Berlin, seine besonderen Show-Rezepte - und seine neuen gackernden Stars in der Manege.

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Als Clown Zippo stand Bernhard Paul (links) noch im vergangenen Jahr in der Manege. Noch immer macht er die Regie des Weihnachtszirkusses.
Als Clown Zippo stand Bernhard Paul (links) noch im vergangenen Jahr in der Manege. Noch immer macht er die Regie des...Foto: dpa

Herr Paul, willkommen in Berlin! Sie haben mal gesagt, unsere Stadt sei Ihnen zu hässlich, zu ruppig ...

… wie viele Männer gibt es, die über ihre Frau dasselbe sagen? Und trotzdem verheiratet sind und sie lieben. Mir fallen halt die Unterschiede auf, ich bin ja viel in der Welt unterwegs. Ich komme aus Wien, das ist dagegen ein Stück heile Welt. Da gehe ich in ein Geschäft rein: Grüß Gott! Wie geht’s? In Berlin beschimpfte mich neulich einer als Arschloch, ein Radfahrer natürlich, und donnerte mit den Fäusten aufs Autodach, nur weil wir abbiegen mussten. Dann fährt man an einem wunderschönen alten Haus vorbei, frisch und aufwendig restauriert, und da haben sie Fuck oder andere lebenswichtige Botschaften draufgesprayt.

Trotzdem gastieren Sie jetzt zum zehnten Mal mit dem Weihnachtszirkus in Berlin.

Ich will es nicht Hassliebe nennen, es ist eh eine Liebe. Berlin war die Zirkusstadt, von der Jahrhundertwende an. So wie man heute sagt, der war in Las Vegas, sagte man früher: der war in Berlin! Wer hier gearbeitet hat, hatte es geschafft. Der Kaiser kam, saß in der Kaiserloge, wenn Premieren waren. Ich weiß, wo alles stand, der Wintergarten bis 1944 am Bahnhof Friedrichstraße, die Scala, Zirkus Busch, Zirkus Renz, Zirkus Schumann. Ich habe auf Berlins Friedhöfen die ganzen Kollegen von früher besucht, Paul und Paula Busch, Ernst Renz, die Wasserminna Minna Schulze. Diese Tradition spüre ich, wenn ich im Tempodrom in der Manege stehe. Da bin ich auch a bisserl stolz drauf, dass wir die Berliner Zirkusgeschichte fortsetzen.

Sie machen das im Tempodrom. Ist Ihnen dieses Zirkuszelt aus Beton nicht zu kühl?

Von den Maßen her ist es ideal. Optisch würde ich es anders machen. Warum müssen die Säulen schwarz sein? Das passt nicht, gold und rot wären besser. Das Tempodrom war als Zirkusbau geplant, aber finanziell ist erst mal alles schiefgegangen. Da habe ich mir gedacht: Es steht jetzt da, und kein Zirkus spielt darin. Wie schade. Dann kommen wir eben. Roncalli ist der erste Zirkus, der dort gespielt hat. Nach dem Krieg gab’s ja in der Deutschlandhalle noch das Spektakel „Menschen, Tiere, Sensationen“, immer zu Weihnachten bis 1997. Danach war Schluss.

Sie sind ein leidenschaftlicher Sammler, haben auch zahllose Erinnerungsstücke aus der Zirkus- und Theaterwelt zusammengetragen. Was ist aus Berlin dabei?



Als vor etwa 15 Jahren die Fundamente des einstigen Wintergartens an der Friedrichstraße freigelegt wurden, bin ich zufällig vorbeigekommen. Ich denke mir, was machen die da? Bin zum Baupolier hin: Ey, da drunter war der Wintergarten, wenn ihr irgendwas findet, hier ist meine Adresse. Ich habe inzwischen verschiedene Relikte gerettet und will daraus ein Objekt Wintergarten machen, mit einem Tisch, einem Stuhl, Besteck mit „Wintergarten“-Gravur. Mit durch Phosphorbomben verformten Flaschen, die das ganze Leid des Krieges ausdrücken, sowie Fotos von vor und nach dem Brand.

Ihre gigantische Sammlung lagert in Hallen bei Köln. Warum? Ihr „Boulevard of broken dreams“, wie Sie Ihre Schätze nennen, ergäbe doch eine wunderbare Ausstellung.



Ich biete das seit Jahren wie Sauerbier an. Aber Leute, die Geld haben, haben selten Fantasie. Ich habe ein altes Kino mit Klappstühlen, inklusive der Hans-Moser- und Chaplin-Filme, sechzig alte Kaufmannsläden, komplette Caféhäuser, vieles aus dem alten Adlon, sogar die hoteleigenen Wärmeflaschen für Kaiser Wilhelm. Natürlich ist es mein Traum, das Museum in der Hauptstadt zu machen, wo genug Menschen sind. Das muss mit Leben erfüllt werden!

Sie stehen ja noch als Clown Zippo in der Manege. Merken Sie am Publikum, dass Sie sich in Berlin befinden?

Die Berliner, das sage ich nicht aus Gefälligkeit, reagieren schnell und ehrlich. Die lachen nicht, wenn’s nicht gut ist. Alle aus dem Showgeschäft sprechen von einem Nord-Südgefälle. Es gibt Städte, da dauert es ein bisschen länger, bis die Pointe kommt. Ich sag jetzt nicht wo.

Ach, kommen Sie!

Na gut, Würzburg ist so eine Stadt.

Informationen zu Zirkussen in Berlin finden Sie hier.

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