Berlin : Isaak Behar (Geb. 1923)

Seine Familie hatte sich sicher gefühlt. Sie waren Türken

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Als Isaak Behar 1930 in Berlin in die Schule kam, fiel er auf. Nicht, weil er Jude war, sondern weil er Deutsch mit einem merkwürdigen Akzent sprach. Er hatte einen türkischen Pass. Als er Jahrzehnte später Kreuzberger Schulen besuchte, wunderten sich die Schüler weniger darüber, dass ihnen ein alter Mann über den Holocaust erzählte. Nur, so eine seltsame Geschichte hatten die türkischen Jugendlichen noch nie gehört: Einer, der mit ihnen Türkisch sprach, war in Berlin von den Nazis als Jude verfolgt worden?

Die Behars waren sephardische Juden, ihre Vorfahren waren vor 500 Jahren aus Spanien vertrieben worden und nach Konstantinopel geflohen. 1915 kamen seine Eltern von Istanbul nach Berlin, weil sie gehört hatten, dass hier sogar die Bürgersteige gefegt würden, bevor die Menschen zur Arbeit gingen. Der Vater hatte die Teppichflickerei erlernt, und als er eine Anstellung in einem Teppichladen in der Kantstraße fand, war das Glück perfekt. Und dann wurde auch noch ein Sohn geboren. Nach zwei Töchtern war endlich der Junge da, der später das Kaddisch am Grab der Eltern würde sprechen können, das letzte Gebet nach jüdischem Ritual.

Doch es sollte kein Grab geben. Isaak Behar hat seine Eltern am 13. Dezember 1942 zum letzten Mal gesehen. Es war ein Sonntag. Isaak verabschiedete sich, um eine Freundin zu treffen; zwei Stunden später wollte er zurück sein. Während er weg war, kamen zwei Gestapo-Männer. Ein Freund der Eltern wurde Zeuge der Szene; er erzählte Isaak später, dass seine Mutter, sein Vater und seine beiden Schwestern in Mänteln um den Wohnzimmertisch saßen und warteten, dass sie abtransportiert würden. Seine Mutter habe laut aufgeschluchzt, als an Stelle des erwarteten Sohnes er, der Freund der Familie, den Raum betrat.

Die Behars hatten sich lange sicher gefühlt, sie waren Türken, Bürger eines befreundeten Landes. Doch 1939 mussten sie im türkischen Konsulat ihre Pässe abgeben. Es hieß, ihre Identität müsse überprüft werden. Sie erhielten Ersatzpapiere, auf denen stand: „Staatsangehörigkeit ungeklärt“. Kurze Zeit später wurde das durch „staatenlos“ ersetzt. Das Todesurteil für eine jüdische Familie in Berlin.

Isaak Behar war 19, als er alleine dastand, ohne Papiere und Geld, ohne Familie, ohne Freunde. Er schlief in Kellern und S-Bahnen, er wurde verhaftet und er entkam. Und er traf immer wieder Berliner, die ihm halfen. Hannah zum Beispiel, eine alte jüdische Frau, die ihn von der Deportationsliste freikaufte und nicht sich. Oder Betty, eine Verkäuferin in Kreuzberg, die ihn aufnahm, pflegte und liebte. Oder Hans, bei dem er eine Zeit lang wohnen konnte, und dem er versprechen musste, am Leben zu bleiben.

Nach dem Krieg wollte ihm die Türkei die türkische Staatsbürgerschaft zurückgeben. Isaak Behar lehnte ab und blieb in Berlin. Er heiratete spät und wurde Vater von zwei Söhnen. Er engagierte sich in der Jüdischen Gemeinde und setzte sich dafür ein, dass eine sephardische Synagoge gegründet wurde. Isaak Behar konnte aufbrausend sein und nahm kein Blatt vor den Mund. Vor einem Jahr noch mischte er sich als einer der Gemeindeältesten lautstark in die Parlamentsdebatten ein.

Über das, was seiner Familie in der Nazizeit zugestoßen war, schwieg er 40 Jahre lang. Wie glücklich er als Kind war, wie sehr er an seiner Mutter gehangen hatte, wie viel Stärke sein Vater ihm gegeben hatte – der Verlust hatte eine tiefe Wunde hinterlassen.

1988 brach auf einmal alles aus ihm heraus. Er schrieb seine Geschichte auf und erzählte Schulklassen davon. Türkischen Jugendlichen brachte er Baklava mit, das türkische Gebäck, das seine Mutter oft für ihn gebacken hatte. Nach einigem Zögern nahm er auch das Angebot an, vor angehenden Polizisten zu sprechen und vor Rekruten der Bundeswehr. Nachdem er so lange geschwiegen hatte, musste er nun reden, auch wenn ihm dabei die Tränen kamen. „Ich muss gegen das Vergessen anreden, gegen mein eigenes und das der Menschen des Landes, in dem ich lebe“, schrieb er in seinem Buch. „Vielleicht ist das Reden, das Erzählen auch meine Art zu versuchen, mit dem Schicksal fertig zu werden.“ Manchmal hatte er mehrere Auftritte in einer Woche. Manchmal wirkte er wie getrieben.

So viel er auch gegen das Vergessen anredete, und mit wem er auch sprach, eine Frage bohrte sein ganzes Leben lang in ihm: Was ging in seiner Mutter vor an jenem Dezembertag 1942 kurz vor der Deportation, als nicht er in die Wohnung kam, sondern der Freund der Familie? Hat sie geweint aus Erleichterung, weil ihr Sohn nun nicht auch abtransportiert wurde. Oder war es der Schmerz, ihren Jungen in den schwersten Stunden des Lebens nicht bei sich zu haben?

Am 22. April ist Isaak Behar gestorben, im Alter von 87 Jahren. Seine Söhne sprachen an seinem Grab das Kaddisch für ihn. Claudia Keller

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