Berlin : Jakob Schulze-Rohr (Geb. 1930)

Ein Hinter- grundmensch? Das nun gerade nicht.

Kerstin Decker

Sie kam gerade auf die Party, als jemand hinter ihr sagte: „Hallo Jakob!“ Da hat sie sich umgedreht. Wegen eines „Hallo Dieter!“ oder „Hallo Karl-Heinz!“ hätte sie niemals nach hinten geschaut. Aber wer der ungefähr Gleichaltrigen hieß schon Jakob? Sie sah einen recht großen Mann mit schmalem Gesicht, das entweder besondere Klugheit oder besondere Arroganz ausdrückte. Sie würde das feststellen.

„Die Seidenbluse, die Sie da tragen, ist ja furchtbar!“, sagte der Mann Ende dreißig. Also arrogant. Ein arroganter Architekt namens Jakob. Mit Architekten spricht man am besten über Häuser. Sie sagte ihm, welche sie schön findet in Berlin. „Haben Sie aber einen schlechten Geschmack!“, war die Antwort des Architekten. Sie ärgerte sich. Ist so ein Architekt nicht auch bloß ein besserer Handwerker? Sie beschloss, ihn als solchen zu behandeln. Mal sehen, ob er ein brauchbarer Handwerker war. Ihre neue Wohnung im Tiergarten hatte eine Wand zu viel. Sie hätte die Wand schon längst rausnehmen lassen, aber selbst sie besaß einen Restrespekt vor der Statik und ihren Gesetzmäßigkeiten. „Sagen Sie mir doch, ob das eine tragende Wand ist“, schlug sie vor.

Vom Klingeln an der Tür wachte sie auf. Der Architekt! Es war sehr früh am Morgen, aber sie lag nicht im Bett, sondern in der Badewanne. Sie musste da eingeschlafen sein, nachdem sie bis weit nach Mitternacht in der neuen Wohnung geräumt hatte. Wie sollte sie jetzt einen respektablen Eindruck machen? Mit der Seidenbluse neulich hatte sie wesentlich besser ausgesehen.

„Und dann nahm er die Wand raus und ging nicht mehr weg“, sagt Lea Rosh. Das war Ende der sechziger Jahre. Sie haben dann zusammen noch ganz andere Wände herausgenommen, ohne Respekt für vorgefundenene Gleichgewichtslagen. Bestehende Statiken waren ihnen immer verdächtig. Gemeinsam waren sie auch stark genug, neue Wände in Städte einzufügen, ganze Stelenfelder, selbst gegen große Widerstände. 1988 gehörte Jakob Schulze-Rohr zu den Gründungsmitgliedern des „Förderkreises zur Errichtung eines Denkmals für die ermordeten Juden Europas“. Das Büro des Förderkreises war er, sein Schatzmeister, sein Logistiker. Manchmal will sie noch anheben zu fragen: Jakob, wo ist denn … ?

Ohne ihn wäre das Mahnmal wohl nicht entstanden. Dass nur wenige das wissen, lag an der Binnenstatik des Verhältnisses zu seiner Frau.

Wenn sie oben auf der Bühne stand, saß er im Publikum. Anders hat er es nie gewollt. Aber er war ein gefährliches Publikum. Wenn sein Gesicht absolute Indifferenz ausstrahlte – die Fremde leicht als Nichtteilnahme missdeuten konnten – war alles in Ordnung. Man musste schon etwas ganz Besonderes sagen, um Eindruck auf ihn zu machen oder ihn zu einer Antwort zu verleiten.

Natürlich gab es Dinge, die ihn aufregten: Etwa als bei ihrer Dschungelsafari in Afrika, wo ringsum die Affen von Baum zu Baum sprangen und in jedem Moment ein Löwe aus dem Gebüsch hätte hervorbrechen können, seine Frau sich auf dem Rücksitz mit ihrer besten Freundin unterhielt: über ihren Friseur in der Bleibtreustraße. Da konnte selbst ihm ein halblaut gemurmeltes „Blöde Weiber!“ entfahren.

Aber dieser in seinen Reaktionen so sparsame Mensch war zu solch expressiven Gesten wie einem Kopfschütteln fähig, und wenn seine Frau bei einem Blick von der Bühne ins Publikum ein solches Kopfschütteln wahrnahm, öffnete sich unter ihr der Boden.

Ein Hintergrundmensch? Das nun gerade nicht. Aber man muss doch als Vordergrund nicht für jeden erkennbar sein. Man erkennt Menschen nicht nur an dem, was sie sagen, sondern mehr noch an dem, was sie nicht sagen. Wahrscheinlich dachte Jakob Schulze-Rohr, man muss überhaupt nur für wenige Menschen ganz erkennbar sein. Für seine afrikanischen Studenten in Daressalam etwa.

Keiner von denen wäre auf die Idee gekommen, er sei arrogant. Er konnte unendlich nachsichtig sein, wenn jemand etwas nicht wusste. Es gibt auch sehr verschiedene Weisen des Nichtwissens. Sie wollten von ihm lernen, moderne Häuser zu bauen. Also europäische Häuser, amerikanische Häuser, vielleicht sogar solche Häuser, die seiner Frau gefielen, als sie sich kennen lernten. Wozu sonst kommt ein Europäer als Dozent für Architektur und Stadtplanung nach Daressalam? Und er sagte: Nein, die könnt ihr nicht gebrauchen. Ihr braucht auch keine Air Condition. Und Jakob Schulze-Rohr lehrte sie, die Häuser ihrer eigenen Tradition zu bauen, rund, mit großem Dach und glaslosen Fenstern zu beiden Seiten. Die beste Air Condition. Er ermutigte sie, dem tiefen Erfahrungswissen der eigenen Baugeschichte zu vertrauen. Und sie glaubten ihm. Wahrscheinlich auch, weil er nicht in einem großen klimatisierten Hotel im Nobelviertel der Stadt wohnte, sondern im Schwarzenviertel in einem kleinen runden Haus mit großem Dach und glaslosen Fenstern zu beiden Seiten. Vielleicht wäre er im Hotel nicht krank geworden? Oder erst recht. Seine Studenten haben ihn gesundgepflegt.

In Berlin hat er keine runden Häuser gebaut, dafür rote Stadtvillen im Grunewald. Und ganz andere in Kladow. Dieser zurückhaltende Mann brachte es fertig, bei einem Spaziergang an den roten Häusern bei wildfremden Menschen zu klingeln und zu fragen, wie es sich denn so wohnt da. Schließlich war er ihr Mitwisser. Schließlich wohnten sie in seinem Intimsten, in seinem Werk.

Aber Architekt und Stadtplaner zu sein, bedeutet auch, der Vater vieler ungebauter Häuser und nie verwirklichter Projekte zu sein. Selbst wenn die eigenen Entwürfe den ersten Platz belegten wie beim Wettbewerb zur Neugestaltung der Turmstraße in den Achtzigern. Auch für seinen Entwurf des Steigenberger Hotels in der Augsburger Straße – mit einem Golfplatz dort, wo andere Luxushotels ihre Vorgärten haben – gewann Jakob Schulze-Rohr den ersten Preis. Flüsterer aus der Stadtpolitik legten ihm damals nahe, ihn nicht anzunehmen, das würde eine künftige Zusammenarbeit sehr positiv beeinflussen – nur eben nicht bei diesem Projekt. Natürlich nimmst du den Preis an, beschloss seine Frau. Kein Mensch darf leichtfertig seine innere Statik aufs Spiel setzen für einen vermeintlichen späteren Vorteil.

Sein Entwurf für den Gedenkort „Topografie des Terrors“ wurde nicht verwirklicht, so wenig wie der für das Gleis am Bahnhof Grunewald, von dem aus 55 656 Berliner Juden in den Tod fuhren. Die Namen! Die Namen der Deportierten müssen hier stehen, hat er gewusst, 55 656 auf Glaswänden.

Jakob Schulze-Rohr, geboren 1930 in Leipzig, war kein Jude. Er war der Sohn eines kommunistischen, Orgel spielenden Yogi oder Yoga treibenden Organisten. Und da dieser außergewöhnliche Musiker bald eine Anstellung im Spandauer Johannesstift bekam – weshalb es im Stift künftig bei jeder Wahl eine kommunistische Stimme gab – verbrachte sein Sohn eine nicht ganz christliche Kindheit, deren Hauptklänge Orgelklänge waren. Sie übertönten eine Zeit lang die Misstöne der Welt. Als er etwas größer war und allein mit der S-Bahn fahren konnte, besuchte er regelmäßig ein älteres Ehepaar in Charlottenburg. Jedes Mal brachte er einen Korb voller Lebensmittel mit. Bis zu dem Tag, als ihm niemand mehr öffnete.

Die Namen des jüdischen Ehepaars hätten auch mit unter den 55 656 Namen auf Jakob Schulze-Rohrs Stele gestanden.

Der Nierentumor wurde 2007 festgestellt. Wir haben’s geschafft, sagten die Ärzte nach der ersten Operation. Die Nachricht passte in sein Weltbild, sie bestätigte auch den spezifischen Gleichgewichtssinn seiner Frau: Die Welt ist in dem Gleichgewicht, in das man sie bringt. Wir schaffen es!

Dass es doch anders sein sollte, konnte seine Frau lange nicht glauben.

Ein wenig hat Jakob Schulze-Rohr nun bereut, ein Angebot ein paar Jahre zuvor nicht angenommen zu haben. Er hätte Architekt in Brasilien werden können. Vielleicht wäre dann alles anders gekommen.

Er fügte sich. Er wahrte sein vermeintlich indifferentes Gesicht noch dem Tode gegenüber. Es musste schon jemand etwas sehr Besonderes sagen, um ihn zu beeindrucken. Er war nicht der Meinung, dass der Tod etwas Besonderes zu sagen hatte. Und dann sagte er doch zu seiner Frau: „Rette mich!“ Nur einmal. Sie hat doch immer alles geschafft. Sie haben sich noch nie mit einem So-ist-das Abgefunden, mit den abgeschmackten Gleichgewichtslagen der Welt.

2005 hat Jakob Schulze-Rohrs Entwurf eines Mahnmals für die ermordeten Juden von Trostenez bei Minsk den ersten Preis bekommen. Lea Rosh wird im Juni allein nach Trostenez fahren. Kerstin Decker

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