James Hobrecht : Die Kunst der Infrastruktur

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Dass er für Berlins Expansionsepoche der wichtigste Planer war, erkannte schließlich die ganze Welt. Nach James Hobrechts Wahl zum Stadtbaurat für Straßen- und Brückenbau, die ihn – aufgrund unschätzbarer Verdienste um die kommunale Entwässerung – 1885 ereilte, baten nicht nur über 30 deutsche Städte um seinen Rat für ihre Kanalisation. Bereits 1880 hatte er Moskau dazu ein Konzept dargelegt; 1886 fragt Tokio, 1892 Kairo. Andere basteln Eiffeltürme, Hobrecht meistert die Entsorgung. Infrastruktur mag wenig sexy sein, ohne geht es nicht.

Geboren 1825 in Memel, am Rand der preußischen Streusandbüchse, war der Gutsbesitzersohn kein Senktrechtstarter. Er verläßt das Königsberger Gymnasium ohne Abitur, macht den Abschluss als Feldmesser 1847 in Berlin. Studiert an der Bauakademie, unterstützt die Märzrevolution; jobbt als examinierter Bauführer und bei Privatbahnen. Tritt früh dem Architektenverein bei, dessen Vorsitz ihm 1873 zufallen wird: als sein Bruder Arthur das Oberbürgermeisteramt erringt.

Zu dem Zeitpunkt war Hobrecht bereits anerkannt, hatte von einem erkrankten Berliner Bebauungskommissar 1859 das Stadterweiterungs-Amt übernommen. In Stettin realisiert er erstmals Ideen für ein Abwassersystem, informiert sich dazu bei Franzosen und Briten, wie andere ihre Boom-Metropole retten. Er will den Fortschritt als Gesundheitspolitik; das prägt seine Vision von der sauberen Stadt, die sein Bruder, der OB, und Mitstreiter Rudolf Virchow teilen. Zukunftsqualitäten seines Lebenswerkes zeigen sich dann postum, in den 1920er Jahren: Beim Ausbau seiner mit Dampfkraft zu den Rieselfeldern pumpenden „Schwemm-Kanalisation“ für die stetig wachsende Kommune.

Der Magistrats-Nachruf auf James Hobrecht rühmte 1902 seine Wortgewandtheit, seine Überzeugungen, Überzeugungskraft, Liebenswürdigkeit, Vornehmheit. Dem kompetenten Baurat war es in zwölf Amtsjahren gelungen, fast alle Projekte durchzusetzen: Solche einnehmenden Modernisierer könnte Berlin immer noch gebrauchen! Nur der U- Bahn, dem letzten Fortschritts-Schrei seiner Tage, mochte der „Stadtälteste“ (Titel von 1897) wenig abgewinnen. Das Grab des vielfach Geehrten auf dem Sophienfriedhof hat man übrigens eingeebnet; aber eine Gedenktafel für ihn markiert am Halleschen Ufer den schönen Ziegelzweckbau Radialsystem III. Seine Pumpstation, seit 1977 unter Denkmalschutz. Wie Infrastruktur zum Kunstwerk wird. tl

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