Berlin : Jean Pacalet (Geb. 1951)

Auf Bachs Spuren: Im Deux- Chevaux quer durch die DDR

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Er sagte Back. Niemals Bach. „Back était le plus grand compositeur“ – „Back war der größte Komponist.“ Bach zu sagen, sei snobistisch, befand er. Ein Franzose, der das ch deutsch ausspricht, gebe sich mit Äußerlichkeiten ab.

Jean Pacalet liebte Johann Sebastian Bach. Er wusste, dass Bach am 17.07.1707 in Dornheim geheiratet hat, welches Stück er für die Hochzeit komponierte, wie das Kleid, das seine Frau an diesem Tag trug, aussah.

1978 begab er sich mit seinem Deux- Chevaux, dem kleinen Citroën, auf eine einmonatige Bach-Reise, von Eisenach über Arnstadt, Weimar und Leipzig, mitten durch die DDR: ein Franzose in einer Ente, der nachts irgendwo anhielt und im Auto schlief. Eines Morgens klopften Polizisten an das Autofenster: „Bürgern ist es untersagt, auf der Straße im Auto zu übernachten.“ Und dann sahen die Polizisten Jean, ahnungslos, ohne ein Wort Deutsch, mit seinem schönen Kopf und seiner Bachbegeisterung und gingen weiter.

Auf seiner Reise betrat er jede Kirche, von der er ahnte, dass Bach seinen Fuß hineingesetzt haben könnte. Jean lebte mit Bach, bewohnte seine Wohnungen mit Bach. Und mit seinem Akkordeon. Dieses Akkordeon existiert nur ein einziges Mal, es ist das größte und schwerste und teuerste, das die Firma „Pigini“ in Ancona je gebaut hat, ein ganzes Jahr lang, nach Jeans Entwürfen. Nicht einen Augenblick hat er es allein gelassen. Auf Konzertreisen im Flugzeug hatte es einen eigenen Platz; nach einem Konzert ließen alle anderen Musiker ihre Instrumente bis zum nächsten Morgen hinter der Bühne, nicht Jean; im Hotel, nachts, lag es neben ihm im Bett.

Mit zwölf, in Chambéry in den Savoyen, bekam er seinen ersten Unterricht. Musette-Walzer sollte er spielen, traditionelle Unterhaltungsstückchen für die Verwandtschaft zum Mitsingen und Mittanzen im behaglichen Dreivierteltakt. Aber er verweigerte sich, spielte andere Töne und Tonfolgen und gewann mit 23 den ersten Preis beim Akkordeon-Wettbewerb in Paris.

Aber das Höchste auf dem Instrument erreichen, alles aus ihm herausholen, alles auch aus seinem Kopf, alle Bilder, sie zu Musik machen, wo war das möglich? 1979 begann er ein Studium am Moskauer Gnessin-Institut. Bekam ein Zimmer und 300 Rubel im Monat und durfte obendrein bei den besten Lehrern lernen, Akkordeon, Komposition, Tonsatz. Jean, der Musiker aus dem kapitalistischen Frankreich, bestaunte diese Großzügigkeit, und dachte bei sich: So ist das wohl im Kommunismus.

„Je suis né tard“ – „Ich bin spät geboren“, sagte er später auflachend, seine Variante von Prousts Satz „Longtemps, je me suis couché de bonne heure“ – „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen.“ Nichts jedoch in seinem Denken war dogmatisch. In Kommunismus steckt das Wort commun, gemeinsam, das entscheidende politische Wort. Nein, Angst habe er nicht, zornig sei er, eines Tages sterben zu müssen, zornig, weil er dann nicht mehr sehen könne, ob aus diesem commun nicht doch noch etwas geworden sei.

Jean verachtete Sarkozy und seine Minister, aber auch die in seinen Augen falsche, inzwischen pervertierte Linke, diesen ganzen Staats- und Politik stumpfsinn, dem es einzig um Macht gehe. 2007, kurz vor der französischen Präsidentschaftswahl, Jean lebte bereits seit zehn Jahren in Berlin, rief er: „Si Sarkozy gagne, j’apprends l’allemand!“ – „Wenn Sarkozy gewinnt, lerne ich Deutsch.“

Sarkozy gewann. Ein Grund für weitere Debatten, politische und philosophische, immer wieder, ein unaufhörliches Gespräch, in dem er provozierte und sich noch lieber provozieren ließ, dazwischen unbändiges Gelächter und ein Glas Wein und noch eines. Jeans Deutsch jedoch blieb rudimentär.

Auf seinem Instrument erreichte er das Höchste. Ein Virtuose. Man musste ihn hören. Keinen Moment mehr dachte man danach an lustige Akkordeon-Liedchen, an das Wort „Schifferklavier“. Die Bilder in seinem Kopf übersetzte er in Laute. Dichtete. Malte. Eine „Landschaft unter dem Meer“, den Sturm, das Rauschen, die Stille dann. Er spielte auf seinem Instrument, das Instrument spielte auf ihm. Musik sei nicht nur der klar definierbare Ton, sagte er, auch Collage, das Ineinanderfügen von Geräuschen. Wie auf „7 x 7“, sieben zyklischen Kompositionen, unterteilt in jeweils sieben Miniaturen. In „Die 7 Zimmer“ beschreibt er das Zimmer van Goghs, der sich selbst einen „verspäteten Anfänger“ nannte. In „Schön wie in einem Bett“ aus „7 Erinnerungen am Lebensabend“ ist es, als höre man ein Sichausstrecken in einem breiten Bett, behaglich erst und melancholisch dann, immer tiefer einsinkend. In „Geburt – Präludium – Fuge“ aus „7 Bilder einer Geburt“ wird das Akkordeon zum Cembalo, Bach klingt an. In „Der Hochmut“ aus „Die 7 Todsünden“ kräht der gallische Hahn, eine Orgel ertönt, schroff dann die Marseillaise, die sich zwischen die amerikanische und die russische Nationalhymne drängt, ein fragiles „Auferstanden aus Ruinen“ und am Ende wieder der Hahn, dessen Krähen in einem Krächzen erstirbt.

Die Sieben, eine wiederkehrende Zahl in Jean Pacalets Leben: Sieben Kindheitsjahre in Brazzaville im Kongo. Seit 1997 in Berlin. 27 Kilo schwer sein Akkordeon. Auftritt in der Berliner Philharmonie an einem 7.7. Gestorben am 7. 7.

Er spielte im Olympia in Paris, in der Comédie Française, in der Kathedrale von Chartres, im Leipziger Opernhaus. Er komponierte eine Oper, Stücke für Streichquartette, Bühnen- und Filmmusiken, ein Auftragswerk zum 150. Jahrestag des Anschlusses der Region Savoyen an Frankreich, gesungen und gespielt von 2000 Menschen, Chören, Orchestern und Vokalsolisten, am 18. September 2010 in Chambéry. Im Anschluss an die Aufführung erschienen die Funktionäre mit ihrem offiziellen Lächeln und ihren formellen Danksagungen, vor denen Jean sich gefürchtet hatte. Ein Minister aus Sarkozys Riege streckte ihm die Hand entgegen, Jean nahm sie, widerwillig, und zog die seine gleich wieder zurück, drehte sich um und ging.

Zuletzt schrieb er an einem sinfonischen Werk, „Ma vie en rues“ – „Alle meine Lebensstraßen“, in denen er lebte, froh oder betrübt, in Chambéry, in Brazzaville, in Moskau, in Paris, in Berlin.

Seit 1993 arbeitete Jean mit Barbara Thalheim, „ma Muse, ma jumelle“ – „meine Muse, mein Zwilling“. Er mochte im Grunde keine Chansonsängerinnen, sie kein Akkordeon. Er sprach kein Wort Deutsch, sie kaum ein französisches. Aus diesem Gegensatz jedoch erwuchs ein Einklang, das Hindernis der Sprachen hob sich auf, er setzte um, unmittelbar, was sie erdachte, sie ließ ihn zu ihren Texten die musikalischen Bilder malen. Für die CDs „Fremdegehen“ und „Insel Sein“ bekamen sie den Preis der deutschen Schallplattenkritik. Sie tourten durch die halbe Welt, reisten in den Kosovo, nach Afrika, nach Frankreich und Kanada, in die Türkei und durch Deutschland.

Barbara Thalheim spricht inzwischen Französisch. Auf der Bühne erzählt sie vor jedem Lied eine Geschichte, auf Deutsch, dreht sich hin und wieder zu Jean, der halb verborgen hinter seinem Akkordeon sitzt und zu ihr schaut. „Verstehst du, was ich sage?“, fragt sie mit schief gelegtem Kopf, „tu comprends?“ Er drückt den Rücken durch, hebt die Augenbrauen und nickt beflissen: „Ja, natürlisch.“ Das Publikum lacht.

Ein einziges Lied in deutscher Sprache sang er mit ihr, „Ein vergessener Brief“, im Original geschrieben von Juliette Noureddine, einer französischen Sängerin. Eine Frau findet auf einem Dachboden einen Brief, geschrieben während des Ersten Weltkrieges von einem Soldaten an seine Liebste. Der Soldat beschwört den Leib seiner Liebsten, ihre vergangenen hellen Nächte, ihre Liebe, ihr Glück, beschreibt den Irrsinn jetzt um ihn, die dunklen Nächte, die Sehnsucht, das Unglück, den Tod. Die Frau, die den Brief findet, glaubt zunächst, er sei an sie gerichtet, sucht nach vergessenen Namen in ihrer Erinnerung, fragt sich dann, ob es diese Liebe je gegeben hat, ob es je eine Liebe geben kann, in Gegenwart von Zeit und Tod.

Barbara Thalheim und Jean Pacalet wechseln im Lied einander ab, er singt den Part des Soldaten, sie den der Frau auf dem Dachboden. Die letzten Zeilen des Briefes singen sie gemeinsam: „Dass du niemals mich vergisst, / um das Eine bitt ich nur.“ – „Je voudrais que tu me jures / De ne jamais m’oublier.“ Tatjana Wulfert

Die öffentliche Trauerfeier für Jean Pacalet findet am 4. September um 15 Uhr in der St.-Bartholomäus-Kirche, Friedenstraße 1 in Friedrichshain statt.

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