Berlin : Jeder kämpft um sein Direktmandat Zwischen Grünen und SPD

gibt es keine Wahlabsprachen

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Von Sabine Beikler

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse führt die Landesliste der Berliner SPD an und ist Direktkandidat in Pankow-Weißensee-Prenzlauer Berg. Sein grüner Gegenkandidat heißt Werner Schulz, sitzt auch im Bundestag, und gewann Anfang des Jahres eine Kampfabstimmung um Platz zwei der Landesliste gegen Andrea Fischer und Christian Ströbele. Thierse und Schulz kennen sich noch aus Ost-Zeiten und sind „eigentlich miteinander befreundet“, wie sie beide betonen. Im Wahlkampf tun sich die beiden nicht weh, doch geht ihre Freundschaft nun nicht so weit, dass es Wahlabsprachen gibt. „Keine Kompensationsgeschäfte“, heißt es kurz und bündig bei der SPD und den Grünen.

Werner Schulz könnte beispielsweise dazu aufrufen, mit der Erststimme Thierse und mit der Zweitstimme die Grünen zu wählen. Auf Bundesebene haben die Grünen ohnehin noch nie ein Direktmandat gewonnen – und dass Schulz am 22. September als erster Grünen-Politiker das Unmögliche möglich machen wird, glaubt niemand. Theoretisch könnte also Schulz mit einer solchen Wahlempfehlung symbolisch für eine Weiterführung von Rot-Grün auf Bundesebene werben. Mit dem Listenplatz zwei ist ihm der Einzug in den Bundestag relativ sicher. Außerdem: Würde man die Ergebnisse der Bundestagswahl 1998 auf die neuen Wahlkreise umrechnen, könnte der Grünen-Kandidat nur 6,8 Prozent der Erststimmen auf sich verbuchen. Der SPD-Kandidat hätte mit über 36 Prozent knapp vor der PDS das Direktmandat in Pankow gewonnen.

Als „Kompensationsgeschäft“ könnte die SPD in Friedrichshain-Kreuzberg darum werben, mit der Erststimme den Grünen- Direktkandidaten Christian Ströbele und mit der Zweitstimme die SPD zu wählen. Für Ströbele ist das Direktmandat die einzige Chance, wieder in den Bundestag zu kommen. SPD-Direktkandidat Andreas Matthae ist auf Listenplatz fünf gesetzt. Doch garantiert die Nominierung keineswegs den Einzug in den Bundestag. Vor vier Jahren holte die SPD in Berlin neun Direktmandate – und nur noch der auf Listenplatz eins gesetzte Kandidat zog in den Bundestag: Das war die Rettung für Thierse, der in Mitte knapp gegen die PDS-Politikerin Petra Pau verlor.

Thierse führt jetzt einen klaren SPD-Wahlkampf. Auch die Grünen lassen sich nicht auf „Wackelpartien“ durch Absprachen ein. Sie haben schlechte Erfahrungen: 1994 rief Uwe Dähn, Grünen-Kandidat in Mitte, zur Wahl des damaligen SPD-Kandidaten Wolfgang Thierse auf. Ohne Erfolg: Das Direktmandat holte PDS-Kandidat Stefan Heym mit über 40 Prozent. Heute kann es sich keine Partei mehr leisten, Stimmen zu verschenken.

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