Berlin : Jenseits von aller Welt

Sie stehen nicht in jedem Reiseführer. Man muss sie erst suchen. Aber es lohnt sich: die schönsten Orte dieses Sommers

Dorothee Schmidt

Berlin liegt mitten im Wald, es kommt nur auf die Perspektive an. „Vom Grunewaldturm hat man einen einmaligen Blick auf Berlin“, schwärmt Anja. „Die Hochhäuser, der Fernsehturm, der Dom, die ganze Skyline wächst wie aus dem Grünen heraus.“ Der Turm liegt an der Havel, in der Nähe der kleinen Insel Lindwerder. Und dort gibt es ein Restaurant mit einer Terrasse, auf der Wildschwein und Aal serviert wird – den Seeblick bis zum Wannsee gibt es gratis dazu. „Das ist nicht zu vergleichen mit irgendeinem anderen Restaurant in dieser Stadt“, sagt Anja. Der zauberhafteste Ort des Sommers liegt für sie hier an der Lieper Bucht.

Berlin hat viele dieser kleinen, wunderbaren Orte, die nicht in jedem Reiseführer stehen. Die Oasen in der Metropole können ziemlich eigen sein. Theresa aus Mitte mag die Deutschen Sattelschweine, die auf dem Landgut der Domäne Dahlem grasen. „Das alte Holztor knarzt beim Öffnen. Das erinnert mich immer an Filme wie Michel aus Lönneberga.“ Ein guter Ort, um sich zu verlieben, findet Theresa. Bei ihr war es leider andersrum: Beim vorletzten Besuch hat ihr Freund dort Schluss gemacht.

Zwischen Plattenbauten und Planetarium an der Prenzlauer Allee liegt der Teich im Ernst-Thälmann-Park. „Wegen der quakenden Kröten“ liebt Jörg diesen Ort. „Aber es erfordert einiges an Kontemplation, denn man muss sich hinsetzen und warten.“ Die Kröten quaken nur, wenn sich niemand bewegt.

Anregungen für die verborgenen Orte der Stadt gibt der Internet-Stadtführer www.berlin-hidden-places.de. Axel Klapproth und seine Frau Brigitte haben etwa 80 Orte der Kunst, Architektur und Naturschönheit zusammengetragen, die ihnen bei Spaziergängen aufgefallen sind, die aber nicht jeder kennt. „In Berlin gibt es unglaublich viele verwunschene Orte, die es ursprünglich gar nicht sein wollten“, sagt Klapproth. „Und alle haben einen verborgenen Nutzen oder eine verborgene Geschichte.“ So wie die Friedhofskapelle an der Boxhagener Straße: außen Sakralbau, innen Theatersaal. Gerade wird Elfriede Jelinek aufgeführt. Und im Keller gibt es sogar eine kleine Clublounge.

„Drei für ein“, rufen die Händler auf dem Markt am Maybachufer um die Wette. Das bedeutet: Drei Schalen Weintrauben kosten einen Euro. Dienstags und freitags werden hier Oliven und Kirschen, Mais, Papayas und Feigen angeboten. Kurz vor 18 Uhr wird es jedes Mal hektisch: Da versuchen die Händler, ihre Reste in Einheiten zu verkaufen, mit denen eine ganze WG oder die halbe Nachbarschaft verpflegt werden könnte. Der Markttag klingt am besten am Paul-Lincke-Ufer gegenüber aus: mit heißem Maiskolben in der Hand und dem Blick auf den Landwehrkanal, auf dem die Dampfer langsam vorbeischippern.

Für Brigitte Zimmer, Leiterin der Herbariensammlung im Botanischen Garten, ist der schönste Ort des Sommers „dort, wo es duftet“. Im Duft- und Tastgarten verströmt der Brennende Busch einen zitronig-zimtigen Duft, wenn man an ihm reibt. Die Pelargonie duftet herb nach tiefem Wald und der peruanische Heliotrop nach Vanille. Und plötzlich riecht es nach Nusskuchen. Das müssen die weißen Blüten der Stockrose sein. In Augenhöhe umschwirren Zitronenfalter die Blüten. Und wie fühlen sich Pflanzen an? Das Brandkraut pelzig, der Eibisch wie Samt. Noch im Bus zurück in die Stadt duften die Finger fruchtig-würzig nach Zitronenmelisse, Vanille und Basilikum.

„Paule III“ ist eine Fähre mit Muskelantrieb. Ronald Kebelmann rudert am östlichen Ende des Müggelsees Fahrradfahrer, Wanderer und Hausbesitzer zwischen Rahnsdorf und den Spreewiesen von Müggelheim hin und her. Die 36 Meter Strecke schafft er in einer Minute und hat noch Zeit für Späße mit den Freizeit-Kapitänen, die seinen Weg mit ihren Motorbooten kreuzen. „Alle sagen, der Ort sei wunderschön hier“, sagt Kebelmann. „Und dass ich einen tollen Job habe.“ Manche fragten, ob er nicht tauschen wolle. Nein, will er nicht. Von Dienstag bis Sonntag fährt er über die Müggelspree – ganz ohne Fahrplan, auf Zuruf der Passagiere. Vom Ufer strömt der Duft von geräuchertem Bückling, Makrele und Heilbutt auf das Ruderboot. An den Wochenenden verkauft die Müggelsee-Fischerei neun Sorten geräucherten und frischen Fisch im alten Fischerdorf.

Wer die Berliner eingehend beim Baden am Müggelsee beobachtet hat, der kann im Zoo nach Analogien suchen. Die Flusspferde nehmen den Sommer ganz entspannt. Kathie und Gregor hängen träge im Wasser. Nur Zwergflusspferd Debby wippt hoch und runter wie ein Flummi – wenn auch ein ganz langsamer.

Während die Schneeanlage in der Ecke unaufhörlich Schnee spuckt, schauen die Königspinguine stoisch auf die Felsenlandschaft in ihrem Gehege. Aber sie haben eine Entschuldigung: Drei Paare werden bald Eltern und wechseln sich beim Brüten der Eier ab. Im August sollen die kleinen Pinguine schlüpfen. Sehr wahrscheinlich, dass ihnen dabei eine Menge Besucher zugucken werden. Die kühlen elf Grad Lufttemperatur und die sechs Grad des Wassers erfrischen nämlich auch durch die Glasscheibe hindurch.

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