Berlin : Jörn Wiegand, geb. 1967

Esther Kogelboom

Ein unübersichtlicher Baumarkt, in dem es nach Sägespänen riecht, der von früh bis spät mit der Musik eines Privatradiosenders beschallt wird. Holz Possling, sein Lieblingsladen. Oft stand er konzentriert vor den Plastikdöschen mit Spreizdübeln, Betondübeln, Holzdübeln. Jörn griff mit schlafwandlerischer Sicherheit nach den richtigen Dübeln, wenn in der Tempelhofer Tanzschule "Balance 1" mal wieder die Rigipswände wackelten, an denen die Ballettstangen festgemacht sind. Und als Sascha Waltz wissen wollte, ob sie für ihren Trainingsraum auch so einen Schwingboden haben kann, zögerte Jörn keine Sekunde und fuhr zum Baumarkt. Der Profitänzer war ein Fuchs in allen Handwerksfragen. Er kittete auch die Welt seiner Freunde wieder zusammen, wenn sie aus den Fugen geriet - mit seinem Lachen.

Ein einäugiges Alien, das zu "I will survive" tanzt, bevor es von einer überdimensionalen Discokugel erschlagen wird: Jörn verbrachte Stunden vor seinem Computer, guckte sich wieder und wieder das Internet-Filmchen an, krümmte sich vor Lachen, rief seine Freunde an und kicherte ins Telefon: "Kommt, das müsst ihr sehen!" Wenn sein Computer müde lief und Zicken machte, rieb er sich die Hände und blickte mit glänzenden Augen auf den Monitor. Dann begann er damit, seinen Macintosh neu zu programmieren. Denn Probleme, so fand er, muss man schlicht und einfach an der Wurzel packen. Jörn schlief jede Nacht höchstens vier Stunden.

Ein Schein, der irgendwo in der Schublade herumliegt, unterschrieben von einem Mathematik-Professor der TU. Jörn ging meistens im schwarzen Anzug in die Uni und hielt es dort nie lange aus. Nach dem Mathe-Seminar zog es ihn zu Butter Lindner, dort kaufte er frische Sachen und ließ sie sich in eine Papiertüte packen. Dann breitete er Käse, Brot und Wein im Tiergarten aus und speiste mit seinem Freund Christian. Der war schlecht in Mathe. Jörn dagegen flog alles zu. Er musste sich nicht anstrengen. Er hatte längst beschlossen, das langweilige Studium an den Nagel zu hängen. Und er hatte beschlossen, seinem Freund das Rechnen beizubringen. Also blieb er so lange eingeschrieben, bis auch Christian das Vordiplom bestanden hatte. Für seine Freunde tat er alles. Als er selbst umziehen musste, bat er nicht um Hilfe.

Ein Gemüsemesser, das aus China kommt und das mit anderen asiatischen Spezialschneiden in einem massiven Holzblock steckt. Jörn liebte das Kochen. Seine Küche war ihm heilig, gutes Essen lebenswichtig. Er säuberte seinen Backofen stets akribisch. Die Gummidichtungen seines Kühlschranks polierte er mit Q-Tipps. Er konnte es nicht ertragen, wenn jemand mit der scharfen Seite seines heiligen Gemüsemessers Tomatenscheiben vom Schneidebrett in die Pfanne schabte. Dann stand er vom Tisch auf, nahm Messer und Brett an sich, drehte das Messer mit der stumpfen Seite zum Brett und sagte mit einem Grinsen: "Sieh mal, wie ich das mache. So hält mein Messer länger." Für jede Pingeligkeit hatte Jörn eine gute Begründung. Er probierte über Jahre hinweg, sich makrobiotisch zu ernähren. Zwischendurch ging er furchtbar gern ins "XII Apostel". Er bestellte niemals ohne Extra-Wünsche: Extra Rucola, extra frische Tomaten und nur frisch geriebenen Reggiano-Parmesankäse. Die Kellner mochten ihn trotzdem. Weil Jörn aus jeder Bestellung eine unarrogante kleine Show machte. Er hasste Grano-Padano-Parmesan.

Ein Regisseur namens Roberto Benigni, der bei der Oscar-Verleihung heulend über Stuhlreihen springt, um die Preise für seinen Film "La vita è bella" entgegenzunehmen. Jörn hat alle wichtigen Filme gesehen. Er behielt alle interessanten Zitate im Kopf, spielte Filmszenen nach und redete gern wie Roberto Benigni englisch mit stark italienischem Einschlag: "My frrriends, I thanke you so muche." Wenn Fremde den hellhäutigen, rotblonden Mann fragte, woher der sagenhafte Rhythmus in seinem Blut kommt, antwortete er: "You know, I come frrrom Aaafrrrica." Er war ein Profi im Imitieren von Helge Schneider und ein Ausnahme-Talent im Imitieren von "Dick und Doof". Auch seinen Tanzschülern hielt er einen Spiegel vor, indem er ihre Fehler detailgetreu nachtanzte. Aus dem Studio drang dann albernes Lachen. Alle im Haus wussten, dass Jörn da ist und freuten sich.

Eine dicke, warme Daunenjacke, Marke "Diesel", die mit Spezialdaunen ohne harte Stellen gefüllt ist. Jörn liebte Katrin. Deshalb wollte er, dass sie es in diesen nasskalten Tagen schön warm hat und nicht frieren muss, wenn er unterwegs ist und für Melanie Thornton tanzen muss. Also ging er in ein Geschäft und suchte für sie die Jacke aus. Als er das Preisschild sah, erschrak er und verlangte den Geschäftsführer. Katrin und er dachten über Kinder nach und stritten scherzhaft darüber, ob man die makrobiotisch ernähren sollte oder nicht. Sie hatten sich in Neukölln eine Fabriketage ausgesucht, in die sie nächstes Jahr samt Spezial-Pizza-Ofen und bestem Freund ziehen wollten. Der Geschäftsführer konnte nicht erklären, weshalb die Jacke so teuer ist. Jörn kaufte sie trotzdem. Katrin war sehr glücklich.

Ein Crossair-Flugzeug, das am 24. November um 21 Uhr 1 in Berlin-Tegel abhebt. In Zürich-Klothen erreicht es die Landebahn nicht mehr.

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