Berlin : Johannes Hupka-Enwaldt (Geb. 1960)

Er hatte alte Kontakte aufgenommen, er wollte wieder voll einsteigen

Jörg Machel

Wer die beste Mama sei, sollten die beiden Kinder sagen, und sie waren sich einig: Johannes!

Johannes schickte die Kinder in die Schule, erwartete sie mit fertigem Essen und verbrachte viel Zeit mit ihnen. Seine Frau sorgte dafür, dass die Haushaltskasse stimmte. Sie war viel unterwegs: In allen möglichen Weltgegenden drehte sie Filme, und Johannes machte sich Sorgen, ob der nächste Job nicht viel zu gefährlich sei. Sie schlossen eine Lebensversicherung ab, die wenigstens das finanzielle Risiko abdecken sollte – gegen die Sorgen um die Frau in der Ferne half sie nicht.

Die Familie hatte einen Rhythmus gefunden, der für alle stimmte. Johannes’ Frau liebte ihren Job, die Kinder waren gut versorgt, und Johannes gefiel sich in seiner Rolle. Er konnte sie so ausfüllen, wie er es wollte, lebensfroh, effizient und immer im Kontakt zu den Menschen, die ihm am Herzen lagen.

So hatte er auch in seinem Beruf als Schauspieler gearbeitet. Mit Leidenschaft und mit Blick darauf, dass auch die emotionale Bilanz stimmt. Nach der Schauspielausbildung hatte er nicht den sicheren Hafen gesucht, sondern das wilde Meer. Er liebte und machte experimentelles, freies Theater. Viel Geld war damit nicht zu verdienen. Als die Kinder da waren, musste er mit seiner Zeit haushalten und nahm ein Engagement im Filmpark Babelsberg an. Dort moderierte er eine regelmäßige Show.

Die Kinder erinnern sich gern an diese Zeit und die wunderbare Atmosphäre auf dem Gelände, an den Feuerzauber, die Autostunts, die Lautsprecherdurchsagen, die Lichteffekte. Sie waren stolz, dass ihr Vater da mitmachte.

Johannes brachte sein fantasiereiches Talent ins Familienleben ein, eine Sammlung von Liebesbriefen, Gedichten, Kühlschrankweisheiten hat er zurückgelassen. Und einen wunderbaren Brief an den Sohn zu dessen Konfirmation.

Was Kinder in diesem Alter so dringend brauchen und so selten bekommen, hat er geliefert, eine Würdigung und eine Ermutigung, nicht von oben herab, sondern dankbar und liebevoll.

Als die Kinder größer wurden, sollte die Schauspielerei wieder mehr Raum gewinnen. Johannes hatte alte Kontakte aufgenommen und war dabei, wieder voll einzusteigen. Alles schien perfekt. Die Ehe war gut, Tochter und Sohn entwickelten sich prächtig, Johannes sah eine Perspektive auch jenseits des Haushalts.

Eine gute Bilanz, um vor dem Schlafengehen noch mal vor die Tür zu treten, in die Sterne zu schauen und eine Zigarette zur Nacht zu rauchen. Die Zeit verstrich, Johannes kam nicht zurück. Auf der Straße war er nicht zu sehen, bei den Freunden im Nachbarhaus war er nicht aufgetaucht. Nach langem Suchen fanden sie ihn im Garten vor dem Fenster liegen. Alle Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos.

Niemand hatte an Johannes gedacht, als die Lebensversicherung abgeschlossen wurde. „Nicht weinen“ war der Titel seines letzten Theaterstücks. Jörg Machel

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