Berlin : John Kornblum: Die Unvermeidlichkeit des Superlativs

Elisabeth Binder

Man hätte ja erwarten können, dass sich das alte West-Berlin in seliger Alliierten-Nostalgie zur Welcome-Party für den frischgebackenen Banker John Kornblum im Hans-Arnhold-Center am Wannsee einfinden würde. Schließlich hat der Ex-Diplomat eine einschlägige Vergangenheit. Schon zwischen 1969 und 1973 war er in der US-Botschaft in Bonn für das geteilte Berlin zuständig, zwischen 1985 und 87 war er stellvertretender Stadtkommandant, und zwischen Mai 1997 und Januar 2001 war er US-Botschafter, bevor er sich zum Geldverdienen ins Bankfach zurückzog.

Allein aus dem alten West-Berlin fehlten so zentrale Figuren wie Eberhard Diepgen. Der erbitterte Kontrahent im Ringen um die neue US-Botschaft am Pariser Platz war von den Gastgebern des Abends, Gary Smith von der American Academy, Catherine McArdle-Kelleher vom Aspen Institute und Karl Kaiser von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, womöglich gar nicht eingeladen worden. Das war vielleicht gut so. Denn so sehr es einem Konservativen das Herz wärmen müsste, Altlinke wie Otto Schily auf dem Pfad der proamerikanischen Tugend wandeln zu sehen, den Ausführungen des Innenministers hätte der Regierende Bürgermeister womöglich nur erbleichend folgen können. Er sei ja schon de facto Ehrenbürger von Berlin, sagte Schily über Kornblum, und auch die offizielle Verleihung dieser Würde werde wohl nicht lange auf sich warten lassen. Im Zweifel sei die Eröffnung der US-Botschaft doch ein guter Termin. Begeistertes Lachen beim harten Kern des Kornblumschen Freundeskreises.

Um den Gefeierten richtig zu beschreiben, seien Superlative unvermeidlich, befand Schily, der die geschliffene Ironie Kornblums ebenso pries wie sein Durchsetzungsvermögen beim Verfechten amerikanischer Interessen. Seine große Gesprächsbereitschaft hob Schily mit einem Zitat hervor: "Ich rede mit allen Schichten, sogar mit Intellektuellen." Für diese Übung war er in der American Academy genau am richtigen Platze, wenngleich sich die Fellows zum Teil zurückgezogen hatten, um illustren Gästen wie Klaus Schütz, Karsten Voigt, Uwe-Karsten Heye und Verteidigungsstaatssekretär Walther Stützle das Feld zu überlassen. "Wir feiern, dass er bleibt", hieß die Parole des Abends.

Nun war in letzter Zeit gelegentlich zu hören gewesen, wie problematisch das ist, wenn ein Botschafter in neuer Funktion am Ort bleibt. Wird das Schatten auf den Nachfolger werfen? "Überhaupt nicht", meinte Gary Smith, der in dem Jungbanker womöglich schon Sponsorennachwuchs wittert. "Im Gegenteil, es ist doch gut, einen solchen Experten am Ort zu haben." Der Experte selbst scheint nicht viel Neigung zu haben, sich einzumischen: "Ich habe einen Schnitt gemacht."

Wenn transatlantische Eliten in solcher Fülle versammelt sind, wird natürlich über den neuen Botschafter spekuliert. Das dominierende Gerücht besagte, dass ein besonders konservativer Senator aus Indiana den Job bekommt. Unterton: Man wird sich noch zurücksehnen.

Dabei war Kornblum nie so populär wie etwa sein Vorgänger Richard Holbrooke, er hat sich nicht gescheut, als Diplomat auch anzuecken, hat Charme gewiss nicht ziellos verstreut. Der Mann mag Feinde haben, "aber er hat eben auch sehr, sehr gute Freunde, und so muss es doch auch sein", sagte die wie immer erfrischend pragmatische Isa Gräfin von Hardenberg, deren Mann Andreas, selbst ein Banker, dem jungen Kollegen eine große Zukunft in diesem Geschäft prophezeite, schon, weil er so genial Leute zusammen bringen könne. Als deutscher Chef der französischen Bank Lazard, Frères & Co wolle John Kornblum künftig am Pariser Platz residieren, hieß es. Wie schön sich Kreise schließen können: Dort wird er das Wachsen und Gedeihen der US-Botschaft aus der ersten Reihe verfolgen können.

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