Journalisten des Jahres : Tagesspiegel-Chefredakteure ausgezeichnet

Bei einer Gala im Deutschen Historischen Museum in Berlin wurden die Tagesspiegel-Chefredakteure als beste Chefredakteure im regionalen Bereich geehrt. Beste Journalistin ist die ARD-Korrespondentin Golineh Atai.

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Sie sind die besten Chefredakteure (regional) des Jahres 2014: die Tagesspiegel-Chefredakteure Stephan-Andreas Casdorff und Lorenz Maroldt (v.l.).
Sie sind die besten Chefredakteure (regional) des Jahres 2014: die Tagesspiegel-Chefredakteure Stephan-Andreas Casdorff und Lorenz...Foto: dpa

Ausgerechnet am Geburtstag von Erich Kästner wurden im Deutschen Historischen Museum (DHM) die Journalisten des Jahres geehrt. Die Tagesspiegel-Chefredakteure Stephan-Andreas Casdorff und Lorenz Maroldt belegten in ihrer Kategorie den ersten Platz. Und da Kästner zu Casdorffs Lieblingsautoren zählt, lag der Hinweis auf den Ehrentag nahe.

Laudator Joachim Widmann hob die vielen innovativen Projekte hervor, mit denen die Doppelspitze gegen die im Zeitungswesen verbreitete allgemeine Schockstarre erfolgreich angeht – von „Mehr Berlin“ über „Agenda“ bis zum neuen Newsletter Checkpoint.

Das Duo scheute sich dann auch nicht, Dankbarkeit auszudrücken für den Verleger Dieter von Holtzbrinck, der nachhaltige Arbeit seit mehr als zehn Jahren auch fördere. „Wir haben jeden Tag 700 Ideen und mit dem neuen Herausgeber Sebastian Turner werden es immer mehr“, sagte Casdorff.

Beide Herausgeber des Tagesspiegels waren ebenfalls zu der Verleihungszeremonie des Medium-Magazins ins DHM gekommen. Turner hat es einst mitgegründet, und Giovanni di Lorenzo wurde selbst ausgezeichnet in seiner Rolle als Chefredakteur der „Zeit“, dafür, dass er Themen „so treffsicher wie zuletzt keine andere Wochenpublikation setzte“. Noch schöner als die Laudatio auf ihn war die Dankrede der selbst geehrten beiden Zeit-Reporter Amrai Coen und Malte Henk, die sich nach einer Recherchereise in das Ursprungsdorf des Ebola-Virus zunächst mit vorsichtig Abstand haltenden Kollegen und Bekannten konfrontiert sahen. Die Umarmung des Chefredakteurs habe dann richtig gut getan, erzählten sie.

Erinnerung an Frank Schirrmacher: Seine Stimme fehlt

Coolness und Gefühl schließen sich nicht aus, im Gegenteil. Das war ein roter Faden in der bemerkenswerten Lobrede, die Sascha Lobo auf den verstorbenen FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher hielt, dem die Auszeichnung für sein Lebenswerk posthum verliehen wurde. „Er hatte den Mut, sich berühren zu lassen“, sagte Lobo. Die Coolness sei eigentlich „ein reaktionärer Teufel“, denn die Haltung, sich nicht beeindrucken lassen zu wollen, sei „schon bei normalen Leuten schlimm, bei Journalisten ganz falsch“. Fast symbolhaft fiel bei dem Versuch, ein Interview mit dem Verstorbenen einzuspielen, zunächst der Ton aus. Eine fehlende Stimme lässt sich nicht ersetzen.

Für ihre überlegte Ukraine-Berichterstattung als Journalistin des Jahres geehrt: die ARD-Korrespondentin Golineh Atai.
Für ihre überlegte Ukraine-Berichterstattung als Journalistin des Jahres geehrt: die ARD-Korrespondentin Golineh Atai.Foto: dpa

Journalistin des Jahres wurde Golineh Atai, weil sie als Russland-Korrespondentin der ARD gegen alle Anfeindungen einen kühlen Kopf in der Ukraine-Berichterstattung bewahrt habe. Sie forderte dazu auf, die Mittel der „Informationskrieger“ bloßzustellen.

Begnadete und bescheidene Dankreden aller Art

Sollte jemand auf der Suche sein nach begnadeten Dankreden für Auszeichnungen aller Art: Hier war der passende Pool dazu. „Die Menschen auf dem Hochseil wären nichts, wenn nicht unter ihnen alle möglichen Paradiesvögel arbeiten würden“, hieß es an einer Stelle. Rührend wie Georg Mascolo, der einen ersten Preis bekam, für diesen er eigentlich seine Frau für viel geeigneter erachtete, die in derselben Kategorie Zweite wurde. Auch Moritz Müller-Wirth von der „Zeit“ suchte die Ursache für den eigenen Erfolg in der Begleitung des Fußballers Thomas Hitzlsperger subtil bei anderen.

Bei manchen weiteren Ehrungen war der Tagesspiegel indirekt involviert. In der Jury unter den „Top 30 bis 30“ war auch die 28-jährige Tagesspiegel-Mitarbeiterin Elisa Simantke. Das Team von „11 Freunde“, das gemeinsam mit der Sportredaktion des Tagesspiegels zur WM regelmäßig Sonderseiten produziert hat und dafür Arbeitstage mit beträchtlichen Überlängen auf sich nahm, wurde als „Redaktion des Jahres“ geehrt. Einen Sonderpreis bekam das Projekt „Hate Poetry“, in dem Journalisten mit Migrationshintergrund Zeichen gegen Anfeindungen setzen, und in dem als jüngstes Mitglied auch der Tagesspiegel-Volontär Mohamed Amjahid mitwirkt.

Ermunterung für die Print-Branche

Eine ermutigende Nachricht hatte Laudator Wolfgang Krach von der „Süddeutschen“ mitgebracht. Bis Mitte Oktober hatte das Blatt dem allgemeinen Trend entsprechend einen Auflagenrückgang zu verzeichnen. Dann aber kam die Wende und seither habe man 5 Prozent mehr Zeitungen verkauft als im Vorjahr. Diese gute Nachricht und die Ankündigung von Bezahlmodellen im Internet trug zur ausgelassenen Stimmung gegen Ende des Abends wohl ebenso bei wie die ungebremste Redefreiheit nach der vierstündigen Verleihungszeremonie im Rahmen eines Dinners. Zwar fand das Branchentreffen der Besten in einer Imagekrise statt, wie Medium-Chefredakteurin Annette Milz eingangs sagte. Es ließ aber keinen Zweifel daran, dass es viel Anlass gibt zur Hoffnung.

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