Jüdischer Rapper Ben Salomo : Teile der Hip-Hop-Szene sind antisemitisch

Als jüdischer Rapper hat Ben Salomo schon viel Ablehnung erfahren müssen. Antisemitismus in der Szene ist ihm vertraut. Nun bringt der Gründer der Duells „Rap am Mittwoch“ sein erstes Soloalbum raus. Die ersten Reaktionen sind positiv.

Yasmin Polat
Mütze zur Seite gedreht? Lässiger Blick? Logo, der Mann ist Rapper. Wir trafen Jonathan Kalmanovich in Schöneberg. 
Mütze zur Seite gedreht? Lässiger Blick? Logo, der Mann ist Rapper. Wir trafen Jonathan Kalmanovich in Schöneberg. Foto: Sven Darmer

„Hi, ich bin Joni.“ Jonathan Kalmanovich mag als Rapper Ben Salomo besser bekannt sein, aber er stellt sich doch mit seinem bürgerlichen Namen vor, während er auf einer Bank im Café „Mutter“ in der Schöneberger Hohenstaufenstraße Platz nimmt. „True Shooler“ steht auf seinem T-Shirt, „And you’re not“ auf seiner Baseball-Cap.

„Ich glaube, um das zu machen, was ich mache, müssen Menschen sehr mutig sein“, sagt Kalmanovich und rührt in seinem Pfefferminztee. Denn jüdischer Rapper zu sein, das bedeute, Probleme zu bekommen und ausgegrenzt zu werden. „Es gibt bisher niemanden mit meinem Background, der dieses Thema abgearbeitet hat. Gäbe es das schon, müsste ich es nicht machen.“

Kalmanovich thematisiert seine Herkunft auch musikalisch: „Ich bin jemand, der offensiv damit umgeht“, sagt der Musiker. „Ich will frei sein.“ Der 38-Jährige ist seit über 20 Jahren in der Rap-Szene unterwegs, gründete hier die Battle-Show „Rap am Mittwoch". Die neue Single „Identität“ thematisiert seine Herkunft. Sein erstes Soloalbum „Es gibt nur Einen“ sei für ihn endlich ein kleiner Kosmos, in dem er sich frei fühle.

Frustriert rief Kalmanovich „Rap am Mittwoch“ ins Leben

Kalmanovich wurde im süd-israelischen Ort Rechovot geboren und kam im Alter von dreieinhalb Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland. Seit er fünf ist, lebt er in Schöneberg. Ausgrenzungserfahrungen begannen für ihn schon auf dem Schulhof: „Vorher haben wir alle Fußball miteinander gespielt“, erinnert sich Kalmanovich. „Mit zwölf, dreizehn hieß es dann: ‚Woher kommst du? Was bist du?’ Als ich dann gesagt habe: ‚Aus Israel’, war ich ein Feind. Und am nächsten Tag musste ich mich prügeln.“

Vor allem solche Erlebnisse seien es jedoch gewesen, die ihn zum HipHop brachten. Die Musik sei für ihn als 19-Jährigen eine Art freier Raum gewesen. Er fing an, Texte zu schreiben und Songs aufzunehmen – bis die Erfahrung einer weiteren Ausgrenzung ihn zu einem großen Erfolg bringen sollte.

Gemeinsam mit einem Freund ging Kalmanovich zu einer Cypher, also einer Art Gruppen-Freestyle des Rap-Labels „Royalbunker“. Die erhoffte Offenheit fand er dort nicht: „Ich hatte das Gefühl, dass sie, zumindest an dem Tag, eine Anti-Haltung gegenüber uns neuen Gesichtern hatten.“ Frustriert rief Kalmanovich „Rap am Mittwoch“ ins Leben, bei dem nur das Können zähle, für ihn das „positive Gegenstück zu allen bisherigen Cyphers“. Nach einer zehnjährigen Pause findet die Veranstaltung seit 2010 wieder regelmäßig statt. Seither „battlen“, also bekämpfen sich Rapper verbal auf der Bühne.

Rassismus ist nicht vertretbar

Kalmanovich moderiert die Veranstaltung und achtet dabei auf Fairness: „Ich finde, ,Scheiß-Jude’ ist etwas anderes als ,In meinen Augen bist du ein harter Bauer, ich bin so respektlos, ich geh’ nach Jerusalem und pisse an die Klagemauer’“, sagt Kalmanovich. „Letzteres ist für mich nicht rassistisch, sondern einfach eine Punchline.“ Eine Abwertung der Ethnie sei für ihn Rassismus und nach seiner Vorstellung von Battle-Rap nicht mehr vertretbar. „Deswegen will ich das N-Wort auf meiner Bühne nicht hören.“

Man müsse jedoch unterscheiden: „Jemand, der sagt: ‚Deine Texte sind schwul’, muss noch kein Schwulenhasser sein. Weil es in dem Jargon so etwas bedeutet wie ‚schlecht’. Wenn es in der HipHop-Kultur eine Regel gibt, dann die, dass Rassismus nicht geduldet werden kann." Die Realität sehe oft anders aus: Teile der Hip-Hop-Szene sind für Kalmanovich klar antisemitisch. Wenn der Rapper von seinen Erfahrungen spricht, wird er emotional, seine Stimme lauter: „Ich bin wütend, weil ich mich ignoriert fühle.“

Sein Album sei bisher von den meisten Hip-Hop-Medien nicht besprochen und abgelehnt worden: „Es ist das erste Mal, dass ein Jude rappt, seinen jüdischen Fokus reinbringt – und dann gibt es da Redaktionen, die sagen ‚Dieses Thema mögen wir nicht.’“ Für Kalmanovich ist das unverständlich und enttäuschend.

Hip Hop als Spiegel der Gesellschaft

Aber nicht nur dort, auch im Alltag begegne ihm immer wieder auch Rassismus: „Zu mir kamen schon oft Leute, die gesagt haben: 'Du bist Jude? Du siehst gar nicht so aus.’“ Da sage er dann: „Ja, was denkst du denn, wie ein Jude aussieht? Schekel, Schekel?" Kalmanovich zieht die Augenbrauen hoch und hält die Hände offen, als würde er nach Geld fragen. Aber die Hip-Hop-Szene ist für Kalmanovich nur ein Spiegel der Gesellschaft: „Alles, was in der Gesellschaft passiert, findet auch im Rap Ausdruck. Auch Rassismus.“

Immerhin, zu seiner ersten Singleauskopplung „Identität“ kamen von den Hörern bisher vorwiegend positive Rückmeldungen: „Ich habe Nachrichten von Muslimen und sogar einem Palästinenser bekommen, die mich ermuntert haben und mir positive Rückmeldungen auf den Song gegeben haben“, sagt der Musiker. Das habe ihn gefreut. So habe er es auch geschafft, trotz aller Negativ-Erfahrungen offen zu bleiben: „Ich pauschalisiere nie. Jeder neue Mensch, der mir offen gegenübertritt, wird wie zehn Menschen wahrgenommen und jeder negative wie ein einzelner.“ Und darauf legt Kalmanovich Wert: Brücken zu schlagen und Gemeinsamkeiten zu finden: „Wenn man durch das, wo man herkommt, nirgendwo sitzen kann, kann man nur eine Brücke sein."

Ben Salomos Album „Es gibt nur Einen“ erscheint am 14. Oktober. Weiteres unter www.facebook.com/BenSalomo

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