Berlin : Jüdisches Krankenhaus gleicht Hochsicherheitstrakt

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Von Jörn Hasselmann

Das Jüdische Krankenhaus in Wedding wurde offenbar aus Angst vor Autobomben-Anschlägen abgeriegelt. Das Bundeskriminalamt hat nach den Attentaten vor der Synagoge auf Djerba und einem Selbstmordanschlag auf französische Ingenieure im pakistanischen Karachi das Krankenhaus in die Liste der besonders gefährdeten Objekte aufgenommen.

Der Ärztliche Leiter der Klinik, Uri Schachtel, sagte gegenüber dem Tagesspiegel, dass er am Freitag von zwei BKA-Beamten entsprechend informiert worden sei. Die Abriegelung der beiden Straßen solle möglichen Selbstmordattentaten vorbeugen. Einen konkreten Hinweis auf die Gefährdung der Klinik habe das BKA nicht, sagte Schachtel – wieso das Krankenhaus nun schärfer bewacht werde als selbst die Synagoge in der Oranienburger Straße, wisse er auch nicht. Vom BKA war gestern keine Stellungnahme zu bekommen. Die Abriegelung der Klinik habe nichts mit der Verwüstung des ehemaligen Israelitischen Krankenheimes in der Torstraße in Mitte zu tun, hieß es gestern bei der Polizei (siehe Meldung unten).

Wie berichtet, wurden die Heinz-Galinski-Straße und die Iranische Straße am Freitagnachmittag hermetisch abgeriegelt. Alle dort parkenden Autos wurden abgeschleppt. Anwohner und Besucher des Krankenhauses dürfen erst nach Personalien- und Gepäckkontrollen passieren. Die Beamten sind mit Maschinenpistolen bewaffnet und mit schusssicheren Westen geschützt. Vor den anderen jüdischen Objekten wie der Synagoge in der Oranienburger Straße oder dem Gemeindezentrum in der Fasanenstraße wurden die Sicherheitsvorkehrungen dagegen nicht verschärft – sie sind eher geringer als in den vergangenen Monaten.

„Das sah nach dem 11. September hier schon gruseliger aus“, erzählt eine vor der Synagoge eingesetzte Polizistin. So fehlte gestern beispielweise das sonst eingesetzte Panzerfahrzeug; vor dem Gemeindezentrum an der Fasanenstraße langweilte sich am Mittag ein einzelner Wachpolizist.

Bislang habe sich kaum jemand um seine Einrichtung gekümmert, berichtet der Ärztliche Leiter des Jüdischen Krankenhauses. Nach den Schüssen im Israelischen Konsulat sei der Staatsschutz zwar mit Spürhunden über das Klinikareal gezogen, das sei es aber gewesen. „Unser macht uns jetzt zum Zielobjekt, bedauert Schachtel, „und der Straßenname vielleicht auch“. Die frühere Schulstraße war am 27. November 1998 nach dem langjährigen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde benannt worden. Tatsächlich gehöre die 360-Betten-Klinik nicht zur Jüdischen Gemeinde, betonte Schachtel, sie sei über eine Stiftung dem Land Berlin angegliedert und stehe allen Patienten offen. „Wir stehen nur in der Tradition des früheren Jüdischen Krankenhauses.“ Über die Dauer der Abriegelung habe das BKA keine Angaben gemacht.

Die an der Absperrung eingesetzten Beamten sind unsicher: „Das kann zwei, drei Tage oder ein, zwei Wochen dauern.“ Wieso nur das Weddinger Krankenhaus jetzt derart abgeriegelt wurde, können sie nicht sagen. Offiziell hatte die Polizei am Sonnabend mitgeteilt, dass die Straßensperrungen „zunächst bis Montagabend gelten“. Ein Anwohner vermutet „einen prominenten Patienten“ als Grund für die Abriegelung, doch ein Wachbeamter dementiert. Auch der Pförtner berichtet, dass kein Prominenter auf den Stationen liege.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September waren die Sicherheitsmaßnahmen auch für die etwa 50 jüdischen und israelischen Einrichtungen massiv verschärft worden. Die Oranienburger Straße – eine wichtige Durchgangsstraße und Straßenbahntrasse – blieb bislang jedoch immer offen. In der Regel gelten vor jüdischen Objekten Halteverbote, die Gehwege davor sind mit Betonpollern gesichert. Das am stärksten gesicherte Gebäude der Stadt ist nach wie vor die US-Vertretung in der Neustädtischen Kirchstraße in Mitte.

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