Berlin : Jürgen Jahns (Geb. 1961)

„Alles ist erlaubt. Doch nicht alles ist nützlich.“

Jörg Machel

An drei mächtigen Institutionen hat sich Jürgen Jahns gerieben: an Gott, an der Computerindustrie und an der Drogenpolitik.

Schon mit Gottes allererstem Gebot hatte Jürgen ein Problem. Gott gebot Adam und Eva, nicht vom Baum der Erkenntnis zu naschen. Jürgen fand: Lieber aus dem Paradies vertrieben werden, als auf die Droge Erkenntnis zu verzichten.

Dass da ein Individualist heranwuchs, war früh schon zu erkennen: Wenn andere Kinder die Erzieherin umlagerten, werkelte er in der Küche. Wenn das Spielzimmer frei war, weil alle draußen tobten, baute er seine Bausteinwelten. Erst als Heranwachsender wurde es schwieriger, nicht so zu sein wie die anderen.

Er musste seine Winkel erst finden. In der Nischenwelt der „Freien Software“ fühlte er sich zu Hause. Mit missionarischem Eifer erklärte er jedem, der es hören wollte und vielen, die es nicht hören wollten, welchen Schaden Microsoft, Apple, Google anrichten. „Nichts, was du von denen bekommst, ist umsonst, und der Preis, den du am Ende bezahlst, ist immer zu hoch.“ Die Liste, mit der er das zu beweisen wusste, war lang, zu lang für mäßig interessierte Zuhörer. Aber man musste nicht alles verstehen, was er zu sagen hatte. Es genügte, wenn am Ende die Entscheidung stand: für die „Freie Software“ mit offenen Quellcodes und einer kritischen Community. Niemand darf den Zugang zum Baum der Erkenntnis behindern.

Gut zehn Jahre lang befand sich Jürgen im aktiven Dienst für diese Überzeugung, und zwar im Internetkeller der Kreuzberger Emmauskirche. Als ABMler hatte er ein halbes Dutzend betagte Computer zu einem Netzwerk verbunden und internettauglich gemacht. Für viele Kreuzberger war dieser Internetkeller ihr kostenloses Tor zur Welt, zu Freunden in der Ferne, zu überlebenswichtigen Informationen im Antragsdickicht.

Nach der ersten Arbeitsmaßnahme folgte eine zweite, dann war für eine Weile Schluss. Jürgen blieb seinen Kunden treu, ehrenamtlich. Dann gab es mal wieder eine Maßnahme und wieder eine Durststrecke. Am Ende stand der Versuch, sich als Berater für „Freie Software“ selbstständig zu machen, ohne seine ehrenamtlichen Dienste einzustellen. Inzwischen hatten zwar auch arme Leute irgendeine Art von Internetzugang, aber auch sie blieben ihm treu, ließen ihre schrottigen Laptops von Jürgen pflegen und akzeptierten, dass nur saubere Software draufkam. Die dazugehörenden ausführlichen Gespräche führten sie gern – nur zu persönlich durfte es nicht werden. Da hielt Jürgen sich bedeckt. Seine Privatsphäre war ihm heilig. So sehr, dass es ihm nie in den Sinn kam, ein Handy anzuschaffen. Er wusste,  was diese kleinen Spione alles verrieten.

Neben den Computern gab es ein zweites Feld, auf dem Jürgen ähnlich leidenschaftlich unterwegs war: Er engagierte sich für die bewusstseinserweiternden Drogen. Wo er doch schon das göttliche Verbot zum Konsum verbotener Früchte nicht akzeptiert hatte, ließ er sich von weltlichen Institutionen schon gar nichts verbieten. „Alles ist erlaubt“, so predigte Jürgen – und fügte ganz im Sinne des Apostels Paulus hinzu: „Doch nicht alles ist nützlich.“ Das wusste er gut, zu viele seiner Freunde haben Schaden genommen durch ihren Drogenkonsum. Doch er bestand darauf: Mit dem richtigen Wissen ausgestattet, öffnen Drogen Tore in tiefere Bewusstseinszustände. Das sollte man sich von niemandem verbieten lassen. Auf Festivals und in Diskotheken baute er seine Infostände auf, warb für einen aufgeklärten Umgang mit Drogen und warnte vorm Missbrauch.

Selbst über Religion konnte man mit Jürgen nicht diskutieren, ohne dass er auf die erhellende Wirkung des LSD zu sprechen kam. Das öffne Türen, die normalerweise erst in der Todesstunde aufgestoßen würden. Der Krebs hat die seine schon früh eingeläutet.

Jürgen war ein Sonderling. Aber seine Menschenfreundlichkeit, seine Großzügigkeit, seine Empathie bewahrten ihn davor, in kleinen Zirkeln zu verbittern. Beim Trauergottesdienst saßen seine Mitstreiter mit gläubigen Christen, leidenschaftlichen Drogengegnern und gut bezahlten Softwareentwicklern zusammen und trauerten um ihn.

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