Berlin : Jürgen Roland (Geb. 1958)

„Praline Langweiler“, wahlweise „Praline von Preußen“

von

Que sera, sera“ Sein schönster Auftritt, die häusliche Showtreppe, er stieg sie hinab, die Freunde warteten ungeduldig unten, „Jürgen komm jetzt“, aber er sang, inbrünstiger als Doris Day, „Whatever will be, will be / The future’s not ours to see … “

Ein unvorhersehbarer Tod. Herzversagen. Ausgerechnet vor der Reise, von der niemand wissen sollte, obwohl es sein offenkundigstes Laster war, neben dem Rauchen, Süßes: Er wollte das Schokoladenmuseum der Stadt Halle besuchen. Er war ja selbst eine Praline, „Praline Langweiler“, wahlweise „Praline von Preußen“, so seine selbst gewählten Spitznamen, die sein Doppelwesen präzise erfassten. Er war ein brillanter Paragrafenreiter, der nie Gefahr lief auf dem trockenen Gesetzesparcours den Überblick zu verlieren.

Als er aus Idar Oberstein aufbrach in die große Welt, die dem polyglotten Juristen so weit offenstand, brach etwas über die Homosexuellen herein, was die so mühsam erkämpften Erfolge der Emanzipation blitzartig zu vernichten drohte: Aids. Erst schien es eine „amerikanische Seuche“, dann, im Herbst 1983, traten die ersten Fälle in Berlin auf. Sechs, sieben Betroffene, die Namen von Freunden, von Bekannten waren darunter. Bald waren es Dutzende, dann Hunderte. Horror-Szenarios wurden in den Medien beschworen, Millionen Tote herbeigeredet, eine Hysterie drohte. Jürgen Roland war in New York gewesen, er hatte bei Gay Men’s Health Crisis als juristischer Praktikant gearbeitet, er besaß das Wissen und vor allem besaß er einen kühlen Kopf. Freunde taten sich zusammen, es galt, gegen die Panik anzugehen, für die Opfer zu arbeiten. Es galt, Aids anders zu buchstabieren: „Angst Ist Das Schlimmste“.

Jürgen Roland gehörte zu den Gründern der Deutschen Aids-Hilfe, er arbeitete im Vorstand, zeitweise als Geschäftsführer. Es war die Zeit der 16-Stunden- Tage, der durchgearbeiteten Wochenenden, der ausgefallenen Urlaube. Es gelang, die Politiker und die Funktionäre der Krankenkassen in die Verantwortung zu nehmen. Die Prävention wurde zum allgemeinen Anliegen, die Patienten waren nicht länger Paria, sie hatten Rechte und Anwälte, die für sie eintraten. Es gab viel Arbeit, viel Zusammenhalt und viele Tränen zu trocknen. Als alles seinen Gang ging, wechselte Jürgen Roland in die Kultur-Bürokratie.

Seiner ersten Vorgesetzten dort trat er im Missoni-Jackett mit einem roten Gummibärchen am Revers gegenüber. Derlei brachte ihm viele Freunde ein, stärkte seine Karriereaussichten aber nicht unbedingt. Elf Jahre Dienst in Kultusfragen, in Berlin, in Bonn, dann in Potsdam: Kulturstiftungen, Museen, Schlösser und Gärten. Die „Gehaltszulage Ost“ investierte er in Werke von Künstlern der ehemaligen DDR, aus Gerechtigkeitssinn.

Kurz vor der Jahrtausendwende nahm er sich einige Monate Auszeit. Er fuhr nach Costa Rica, perfektionierte sein Spanisch, bedachte sein Leben, und begann nach seiner Rückkehr als Anwalt zu arbeiten. Eine eigene kleine Kanzlei, niemand sollte ihm reinreden. Er beriet Stiftungen, insolvente Schuldner, nahm stets weniger Geld, als er es verdient hätte, denn meist zählte er die Klienten zum erweiterten Kreis der Familie.

Freunde waren ihm wichtig. Für sie kochte er, für sie organisierte er Wahlpartys, ihnen erzählte er die wüstesten Witze, was aus seinem Mund klang, als ob man sich verhört hätte. Er war unverschämt charmant und unwahrscheinlich bockig. Nah an den Tränen, wenn er im Kino noch einmal mit der Queen Dianas Beerdigung durchleiden musste, aber unerbittlich, wenn er Unehrlichkeit strafte.

Sein Deckname war „Der Kümmerer“, das galt auch für die Geschichte der eigenen Familie. Er wurde zum passionierten Ahnenforscher, der seine Herkunft akribisch durchleuchtete aus Neugier und aus Stolz. Wenn er Dialekt sprach, brauchte es Untertitel. Wer kennt schon das Wort „Geheischnis“, Hunsrückisch, im Hochdeutschen so viel wie: Geborgenheit, erkannt und angenommen werden, daheim sein. Wie man es herstellt, das Geheischnis? Mit offenen Ohren zuhören und mit offenem Herzen. Jürgen Roland forderte viel Aufmerksamkeit, und er gab viel Aufmerksamkeit. Das hatten sich seine Freunde noch eine ganz lange Weile von ihm erhofft. Stattdessen mussten sie ihm nun selbst ein Lied singen, ein Abschiedslied: „Gracias a la vida“.

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