Abitur in Berlin : "Ich will zurück nach Berlin"

Nora Tschepe-Wiesinger ist vor der Coolness Berlins geflohen. Nach Hannover. Jetzt will sie zurück.

Nora Tschepe-Wiesinger
Nora Tschepe-Wiesinger war genervt von Berlin - jetzt vermisst sie ihre Heimatstadt.
Nora Tschepe-Wiesinger war genervt von Berlin - jetzt vermisst sie ihre Heimatstadt.Foto: privat

Als Berliner hat man es nicht leicht, denn man wohnt in der coolsten Stadt Deutschlands. Hier ist alles so großartig, so verrückt, alle sind so hip. Das nervt mich. Vor acht Monaten bin ich zum Studieren weggezogen – nach Hannover. Hannover genießt keinen guten Ruf. „Hässlich, provinziell, durchschnittlich“, mokierten sich meine Berliner Freunde, und ich erntete mitleidige Blicke. Oft hörte ich: Ein Glück, dass deine Familie noch in Berlin wohnt und du sie jederzeit besuchen kannst.

Nach jedem Wochenende, das ich zu Hause in Berlin verbrachte, verstärkte sich das Gefühl, es sei eine Strafe, am Sonntagabend zurück nach Hannover fahren zu müssen. Dabei war es ein Abschied aus freien Stücken – weder mein NC noch die Wahl meines Irgendwas-mit-Medien-Studiengangs zwangen mich dazu. Ich bin gegangen, weil ich keinen Bock mehr auf Club Mate, Berghain-Geprahle und Diskussionen darüber hatte, welcher Bezirk als nächstes kommt. Halt der ganze Hipster-Hauptstadt-Hype, den Kraftklub in ihrem Lied „Ich will nicht nach Berlin“ besingen. Ich musste mal raus.

Mit Berlin ist es wie mit Voldemort bei Harry Potter

Schnell merkte ich, dass ich mich nicht nur in Berlin, sondern auch in Hannover ständig für meine Wahl rechtfertigen musste. An der Uni sollten wir uns in der Einführungswoche bei einem fragwürdigen Kennenlernspiel nach der Größe unseres Heimatorts aufstellen. Als sich herausstellte, dass ich die Einzige aus einer Stadt mit über einer Millionen Einwohner war und dazu noch aus Berlin kam, verschluckte sich unsere Ersti-Tutorin an ihrem Kaugummi. Ungläubig fragte sie mich, was ich in Hannover wolle, und klang dabei so vorwurfsvoll, dass ich Zweifel an meinem neuen Wohnort hegte, ehe ich noch die Umzugskartons richtig ausgeräumt hatte. Unter meinen Kommilitonen war ich ab diesem Zeitpunkt nur noch „die aus Berlin“. Ein Status, der, wie ich im Lauf der Zeit lernte, nicht gerade mit positiven Eigenschaften in Verbindung gebracht wird.

Mit Berlin ist es im Rest von Deutschland nämlich so wie mit Voldemort bei Harry Potter: Es ist die Stadt, deren Name nicht genannt werden darf, ohne dass man als arroganter Hipster abgestempelt wird. Ich bin weggezogen, weil ich genau das nicht sein wollte. Aber dann feierte eine alte Schulfreundin ihren Geburtstag, die Woche drauf war 25-jähriges Mauerfalljubiläum, und dann hatte ich einen Termin bei meiner Lieblingsfriseuse – und merkte, dass ich genau dieser arrogante Hipster bin. Ich habe zwar weder einen Undercut, noch eine Spiegelreflexkamera, bin aber mächtig stolz darauf, aus der gehypten Hauptstadt zu kommen. Ich habe das Gefühl, ich gehöre hier mehr hin als nach Hannover. Die Hannoveraner in meinem Alter sind zwar offener, freundlicher, weniger kaputt und irgendwie normaler als ihr Berliner Pendant, aber mit denen fühle ich mich trotzdem wohler und besser verstanden. Die Größe der Stadt fehlt mir, die Anonymität, die vielen Möglichkeiten und die Unterschiedlichkeit der einzelnen Bezirke. Als Berliner macht man es sich selbst nicht leicht, in anderen Städten anzukommen und Fuß zu fassen. Mittlerweile glaube ich, dass irgendwann jeder gebürtige Hauptstädter Kraftklub widerspricht und sagt: „Ich will zurück nach Berlin.“

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