Berliner Portraits : “Ich bin nach Berlin gekommen, um ein normales Leben führen zu können“

Ali ist einer von zahlreichen Flüchtlingen, die in Deutschland ein Zuhause suchen. Mit „Hände hoch“ als einzige deutsche Vokabel und 16 Jahren verließ er 2013 alleine seine Heimat Tschetschenien.

Nicole Rikert
Ali möchte später mal ein Restaurant mit kaukasischer Küche eröffnen.
Ali möchte später mal ein Restaurant mit kaukasischer Küche eröffnen.Foto: Nicole Rikert

"Hello, my name ist Ali", sagte ein junger Mann, der im letzten Jahr zu unserer Tanz-Theater-Gruppe stieß. Das ist erstmal nichts Ungewöhnliches, schließlich beehrten uns auch schon einige andere junge Männer, trotzdem war die Situation für unsere Gruppe eine ganz neue Erfahrung. Mit Händen, Füßen, Englisch und Russisch, haben wir uns dann doch alle prima verstanden. Später erzählte er mir: „Ich bin damals zu euch gekommen, um etwas Neues auszuprobieren und neue Menschen kennen zu lernen.“ Und das ist ihm gelungen. Er tanzte szenenweise sogar kleinere Hauptrollen und schloss feste Freundschaften.

Heute wohnt Ali in einem Kinderheim in Berlin und besucht eine „Willkommensklasse“ für Flüchtlingskinder, um Deutsch zu lernen, aber auch, um später einen leichteren Einstieg in eine reguläre Schulklasse zu haben. Er hofft, lange in Berlin bleiben zu dürfen und nicht wieder zurück zu müssen. Denn Ali ist im letzten Jahr illegal von Tschetschenien nach Deutschland gekommen. „Die Reise war spontan. Ich habe auf kein Visum gewartet. Ich bin in einem großen Lastwagen hergekommen“, sagt er. Vorher war Ali noch nie in Europa gewesen.

„In Tschetschenien weißt du nicht, ob du morgen aufwachst“

Seine Eltern vermisst er sehr. Doch zurück, sagt er, will er nicht. „In Tschetschenien herrscht Diktatur und Willkür", sagt er. "In Deutschland zum Beispiel, weiß du, dass du sicher die Schule beenden und nach dem Abi weiter lernen kannst. In Tschetschenien weißt du nicht einmal, ob du morgen aufwachst." Manchmal würde man nachts aufwachen, weil bei den Nachbarn eine "Säuberung" durchgeführt wird. Dann kommen Soldaten und nehmen einzelne Personen fest, die angeblich Diebe seien. "Einige Nachbarn sieht man nie wieder".


Auch seine Familie hatte einige Male Probleme mit der Polizei, denn sie kämpfte früher im Krieg für die Unabhängigkeit Tschetscheniens gegen Russland. Heute ist Tschetschenien nach zwei langen Kriegen eine autonome Republik in Russland, aber trotzdem kein unabhängiger, eigenständiger Staat. "Das Leben in Tschetschenien geht weiter, die Leute heiraten, bekommen Kinder, doch plötzlich kann alles wieder vorbei sein", sagte er.

„Die ersten drei Monate in Berlin waren die besten meines Lebens“

„Ich war geschockt, wie schön es hier ist", sagt er. Schnell habe er Freunde gefunden und sich gut eingelebt. Seine größte Leidenschaft ist Fußball. Manchmal trifft er sich mit anderen tschetschenischen Jugendlichen in Berlin, doch sein wöchentliches Training im Verein geht vor. Gerne würde er als Fußballspieler groß rauskommen, doch „Fußball ist wie Tschetschenien. Du kannst dich dein Leben lang bemühen und dafür trainieren, doch eine Verletzung - und alles ist aus. Nichts ist vorhersehbar“, sagt er.

Erstmal hofft er, im nächsten Jahr in eine reguläre zehnte Klasse gehen zu können, um den MSA und später das Abitur zu machen. „Gerne würde ich mit ein paar anderen Tschetschenen in traditionellen Kostümen für ältere Menschen in Altersheimen tschetschenische Nationaltänze vorführen," sagt Ali. Er findet es schade, dass viele Menschen nichts von seiner Kultur kennen und mit Tschetschenien nur negative Dinge assoziieren. Deshalb ist einer seiner größten Träume, später ein Restaurant mit kaukasischer Küche zu eröffnen.

 

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