Malala Yousafzai : Das Mädchen, das die Taliban erschießen wollten

Nobelpreisträgerin Malala Yousafzai (17) kritisierte auf einem Blog für die BBC die pakistanischen Taliban und setzte sich für das Recht auf Bildung für Mädchen ein. Im Oktober 2012 versuchten die Extremisten sie zu ermorden. Darüber schrieb sie ein Buch.

Lena Skrotzki
Die 17-jährige Malala Yousafzai bei ihrer Rede zum "Four Freedoms Award", den sie im April in den Niederlanden verliehen bekam.
Die 17-jährige Malala Yousafzai bei ihrer Rede zum "Four Freedoms Award", den sie im April in den Niederlanden verliehen bekam.Foto: dpa

„Sie dachten, die Kugeln würden uns zum Schweigen bringen. Aber es ist ihnen nicht gelungen“. (Malala Yousafzai bei der Jugendversammlung der Vereinten Nationen 2013 über die Taliban)
Die Verleihung des Friedensnobelpreises 2014 und vieler anderer Friedenspreise sprechen für sich: Malala beeindruckt die Welt. Sie spricht aus, was Erwachsene sich nicht trauen zu sagen. Sie analysiert mit der britischen Journalistin Christina Lamb im Buch „Ich bin Malala - Das Mädchen, das die Taliban erschießen wollten, weil es für das Recht auf Bildung kämpft“ wie sich die gesellschaftliche Lage in ihrer Heimat in Pakistan, insbesondere bezüglich der Bildung und der Frauen- und Kinderrechte entwickelte. Dabei bezieht sie sich auf die politischen Umstände, erklärt, wie die Macht im Land verteilt ist, wie es zu dem stetig größer werdenden Einfluss und schließlich der kompletten Machtübernahme durch die Taliban in ihrem Heimat-Distrik Swat kommen konnte.
Sie erzählt von ihrer friedlichen Kindheit, bevor das Land durch die Taliban komplett aus den Fugen geriet. Aber auch, wie sich ihr Vater für Frauenrechte einsetzt und sie ermutigte, diesen harten Kampf gegen die Taliban nicht aufzugeben. Diese verbieten Tanzen, Musik hören und Bildung. Malalas Glück und letztendlich auch ihr Verhängnis war, dass ihr Vater Ziauddin sie nie gebeten hat, mit ihrer Bildungskampagne aufzuhören, sogar nachdem sie persönliche Drohungen von den Taliban erhalten hatte. Er war stolz darauf, eine selbstbewusste und engagierte Tochter zu haben, mit der er zusammenarbeiten konnte. Vater Ziauddin Yousafzai leitete selbst eine Mädchenschule im pakistanischen Swat und missachtete damit das Schulverbot der Taliban.


"Das können gar keine Muslime gewesen sein"


Dann kam der Oktober 2012. Während einer Busfahrt schießt ein Mann in Malalas Kopf, die Kugel beschädigt mehrere Organe. Man bringt sie in vier verschiedene Krankenhäuser, tagelang kämpfte sie ums Überleben. Das Attentat lenkte weltweit Aufmerksamkeit auf Malala. Schließlich wurde sie in Birmingham behandelt und lebt dort noch immer mit ihrer Familie zusammen, um sich von den starken Verletzungen zu erholen. Eine Bekannte Malalas erzählte ihr nach dem Angriff über die Taliban: „Meine Mutter sagt dauernd, das können gar keine Muslime gewesen sein. Doch manche Menschen nennen sich Muslime, handeln aber völlig unislamisch“. (S.330) Malala ist weiterhin überzeugt davon, dass ihre Religion nichts dagegen hat, wenn Jungen und Mädchen sich bilden, dass der Koran sogar dazu aufrufe. Sie ist fromm und gläubig, und sagt, dass Gott und die vielen Gebete auf der Welt sie vor dem Tod bewahrt hätten. Sie verdankt ihm ihr zweites Leben und damit eine neue Chance, weiter für das zu kämpfen, was ihr am Herzen liegt.

Wir sind stolz auf dich. Nachdem Malala im Oktober diesen Jahres der Friedensnobelpreis verliehen wurde, gratulierten ihr die Menschen in Pakistan.
Wir sind stolz auf dich. Nachdem Malala im Oktober diesen Jahres der Friedensnobelpreis verliehen wurde, gratulierten ihr die...Foto: dpa

Bildung könnte Extremismus hemmen


Malalas Erzählungen haben mir auch viel darüber gesagt, wie idiotisch es eigentlich ist, dass in der westlichen Politik primär die Debatte der Waffenlieferung geführt wird, wenn es darum geht, terroristische Strömungen zu bekämpfen. Warum wird nicht viel mehr dafür getan, die Menschen zu bilden, aufzuklären, um zu verhindern, dass Menschen von Fanatikern radikalisiert werden und in den Dschihad ziehen?
Die Taliban verbreitete erst in Afghanistan und später in Pakistan Unwahrheiten über den Koran, und nutzte die Unwissenheit der Menschen und tiefen Glauben, um sie einzuschüchtern. Ihnen wurde erzählt, dass Erdbeben die Bestrafung Gottes für das Verlassen des Hauses ohne Kopfbedeckung seien, oder Tanzen in der Öffentlichkeit mit dem Tod bestraft werden müsse. Durch starke Bildungslücken entsteht ein ebenso stark verbreitetes Unwissen, und die Emotionalität in der Religion trägt noch einmal mehr dazu bei, dass Werte von Terroristen wie den Taliban von ganzen Kulturkreisen übernommen werden. Malala schildert eindrucksvoll und lebendig, wie sich eine Kultur durch solche Entwicklungen ändert. Das schließt aber, wie Malala erzählt, nicht aus, dass es auch einige Menschen in ihrem Swat-Tal gibt, die sich bei Aktiventreffen Strategien überlegen, die Talibanisierung zu stoppen, und zeigt nur einmal mehr, wie unzulässig es ist, über „die radikalen Muslime“ oder „das rückschrittliche Pakistan“ zu sprechen.


Man kann sich als Leser gut vorstellen, wie Malala in ihrer königsblauen Schuluniform auf dem Weg zur Schule nervös über ihre Schulter schaut, da es in Zeiten der Talibanisierung für Mädchen verboten ist, die Schule zu besuchen, und ihnen bei Nichteinhaltung starke Gewalt oder gar der Tod droht. Und das in einem Land, in dessen Verfassung jedem Kind das Recht auf Bildung zugesprochen wird.
Auf 384 Seiten hätte man seine Lebensgeschichte mit einem Schicksal, das repräsentativ für unzählige Mädchen auf dieser Welt ist, nicht fesselnder und bewegender darstellen können. Sie nutzt ihre Stimme, um für diejenigen zu sprechen, die es nicht können, koste es gar ihr Leben.
Ich empfehle „Ich bin Malala" all denen, die ein Buch lesen wollen, in dem Autobiographisches gekonnt mit allgemeinen Informationen, politischer Berichterstattung und emotionalen Eindrücken verknüpft wird. Und so manchem würde es nicht schaden, sich mal wieder vor Augen zu führen, welche Möglichkeiten unser freiheitlicher und demokratischer Staat bietet, und wie wenig wir Gebrauch davon machen, unsere Meinung zu äußern, und unsere Stimme zu erheben.

Malala Yousafzai mit Christina Lamb
„Ich bin Malala - Das Mädchen, das die Taliban erschießen wollten, weil es für das Recht auf Bildung kämpft“
19,99€ Hardcover, Droemer Knaur
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