Nach dem Abi um die Welt (Teil 2/5) : Fremder oder Gast?

Englisch unterrichten in Vietnam, Skifahren in Patagonien und Silvester feiern in Rio de Janeiro – nach dem Abi nennt Charlotte den Globus ihr Zuhause. Zweiter Teil unserer Serie.

Charlotte Prass
Charlotte ist auf Weltreise.
Charlotte ist auf Weltreise.Foto: Privat

Nach dem Abi ging es wirklich los: Vier Monate reise ich in Asien, sechs Monate durch Südamerika. Im ersten Teil habe ich über die Vorbereitungen zu meiner kleinen Weltreise geschrieben. Nun bin ich bereits seit über neun Wochen unterwegs, habe Abu Dhabi, Indonesien, Malaysia und Japan bereist und kann schon jetzt sagen, dass es beste Entscheidung meines Lebens war. Ich wollte weit raus, die Welt erkunden, andere Kulturen erleben und alles mit meinen eigenen Augen wahrnehmen – und genau das tue ich jetzt!

17. Juli, irgendwo zwischen Abu Dhabi und Dubai, 22 Uhr, als Fremde

Es gibt nur wenige Momente im Leben, wo man sich so richtig lebendig fühlt, sodass einem der Atem stockt und man den Sauerstoff nur so in sich hineinzuziehen versucht. Dies ist so ein Moment. Ich liege mitten in der Wüste und schaue in den schönsten Sternenhimmel, den ich jemals gesehen habe. Alles leuchtet, während der Himmel sich mittlerweile pechschwarz verfärbt hat. In der Luft liegt ein orientalischer Geruch von Teegewürzen. Es ist Vollmond, das Ende des Ramadan wird gefeiert. Endlich darf man auch wieder am Tag Essen und Trinken.

Charlotte in Abu Dhabi.
Charlotte in Abu Dhabi.Foto: privat

Es fiel mir ziemlich schwer mich bei 44 Grad Außentemperatur an die strengen Regeln des Ramadan zu halten. Doch all das war nun vergessen. Es fühlt sich unglaublich friedvoll an, einfach nur so dazuliegen, wie in Trance. Trommeln reißen mich aus meinen Gedanken. Eine Bauchtänzerin taucht auf der kleinen Holzbühne vor mir auf. Geschmeidig und biegsam wie eine Schlange bringt sie das ganze Publikum zum Toben. Die Farben verschwimmen vor meinen Augen. Und all das geschieht irgendwo im nirgendwo der weiten Wüste der Vereinigten Arabischen Emirate, in dem ich Moscheen besucht und ein Kopftuch getragen habe.

Oft habe ich mich vor meiner Reise gefragt, wie ich ein Land „kennenlernen“ möchte. Meine Antwort nun: Hautnah, direkt, ungeschmückt, echt, ohne Maske, ohne Make-up (das könnt ihr auf Reisen übrigens gleich zuhause lassen!). Dazu brauche Ich keine Touristentouren, keine Sightseeing-Busse und Reisführeranweisungen. Nein, die Menschen sind es, die mir ihr Land zeigen. Mir ist Gastfreundschaft begegnet, wie ich sie noch nie erlebt habe.

1. August, Lombok, 10:20 Uhr, als Gast

Mit geschlossenen Augen umringt von Einheimischen in einem indonesischen Tempel. Der Dorfpriester stimmt eine Art Gebetsgesang an und legt dabei Gaben in Form von Blumen, Früchten, Geld und Süßigkeiten vor den Altar. Räucherkerzen werden angezündet. Wir beten. Strukturiert verläuft die Prozedur.

Zauberhaftes Indonesien.
Zauberhaftes Indonesien.Foto: Charlotte Prass

Vor ein paar Tagen bin in Bali mit vier Stunden Verspätung in der Nacht angekommen, da mein Flug aufgrund von Vulkanasche in der Luft  zuerst gecancelt wurde. Trotzdem waren alle noch wach und bemühten sich um mein Wohl, sogar ein warmes Abendessen habe ich noch bekommen. Und das, obwohl es ein ganz einfaches Hostel ist in dem ich untergekommen bin. Ich bin gerührt. Mit so einem herzlichen Empfang habe ich nicht gerechnet.

Als blonde Europäerin ernte ich bewundernde Blicke: „Cantik!“ (Hübsch) - „Miss, where are you going?“. Viele Einheimische können ein paar Brocken Englisch, welche sie sich von Touristen angeeignet haben. Die Menschen kommen offen auf einen zu, interessieren sich für meine Herkunft und Kultur. Sie fragen nach, sie wertschätzen es, dass ich diese tausenden Kilometer (bisher 16.500 Kilometer) gereist bin, um ihr Land zu sehen. Sie zeigen so viel Bewunderung, dass es einem als Gast schon fast unangenehm ist, wenn man ständig irgendwohin eingeladen oder sogar auf Familienfeiern mitgenommen wird, obwohl man sich erst seit ein paar Tagen kennt. Man muss es annehmen wie ein Geschenk.

Selbstverständlich sind nicht alle gleich so zuvorkommend, viele sind neugierig, aber schüchtern. Doch nach einiger Zeit bilden sich richtige Freundschaften. Wir besuchen Tempel, kochen zusammen, ich genieße es dem indonesischen Alltag so nah zu erleben. Wieder einmal etwas, was ich nicht geplant habe. Aber die doch sehr deutsche Eigenschaft immer vorauszuplanen, legte ich im asiatischen Raum schon nach wenigen Tagen ab, sonst kommt man wohl nicht weiter. Vormittags gehe ich tauchen, schnorcheln, surfen oder besuche einen der unzähligen Sandstrände mit einem guten Buch im Schlepptau. Indonesien besteht aus über 18.000 Inseln und jede, die ich bisher bereist habe, hat ihren ganz eigenen Charme. Doch eines haben sie alle gemeinsam: Die wunderschönen Strände, an denen ich bisher fast jeden Tag verbracht habe. Blaues Meer, in dem man unzählige bunte kleine Fische entdeckt, kleine Lagunen, weiße Sandstrände und leichte Wellen, die einen vorantreiben.

Ich öffne meine Augen und sehe den Tempel, den Altar und im Hintergrund die Berge vor mir. Bin ich wirklich grade hier? Indonesien fasziniert mich. Alle religiösen Sitten erscheinen mir so würdevoll. Wir haben den Tag damit zugebracht, kleine Gebetskörbe aus Palmenblättern zu flechten und mit Blumen zu füllen. Während des Gebets steckt man sich Blumen hinters Ohr und legt Reiskörner auf die Stirn. Ich bin sehr glücklich und dankbar in diesem Moment, dass ich das Leben hier so hautnah, fernab von allen Touristen, erleben kann. Der blaue Himmel strahlt mich an, als ich nach der Zeremonie den Berg hinauf klettere und ich kann nicht anders, als mich noch einmal umzudrehen und zu lächeln. Ich reise weiter nach Malaysia.

20. August, im Bus von Melakka nach Kuala Lumpur, 11:10 Uhr, als Fremde

„Weißt du eigentlich wie man diese Frucht isst?“, sagt der Mann neben mir im Bus und lacht. Ich schätzte ihn um die Mitte 50. „Nein“, erwidere ich und muss auch lachen. Er zeigte es mir. In der malaiischen Stadt Melakka hatte ich einen kleinen Markt entdeckt und gleich alle Früchte gekauft, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Sie schmeckten wundervoll. So kam ich also mit meinem Sitznachbar ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass er Chinese und seine Frau Inderin ist. Zusammen leben sie schon seit über 13 Jahren in Kuala Lumpur, weil es dort bessere Arbeit für ihn gibt. Er konnte sehr gut Englisch. Damals, zu britischen Kolonialzeiten, unterrichtete man hier ausschließlich auf Englisch. Das gute Bildungssystem stellte eine Voraussetzung für viele Arbeitsplätze dar. Heutzutage wird nur noch in der Landessprache unterrichtet. Viele Kinder aus abgelegenen Regionen erhalten nur eine schwache Bildung, gewiss aber lernen sie, der regierenden Partei zu folgen, erzählt mir der Mann.

Symbol des Ölreichtums: Die Petronas Towers in Kuala Lumpur. Auf der anderen Seite der Stadt herrscht Armut.
Symbol des Ölreichtums: Die Petronas Towers in Kuala Lumpur. Auf der anderen Seite der Stadt herrscht Armut.Foto: Charlotte Prass

Als Christ gehört mein Sitznachbar einer kleinen Minderheit gegenüber der herrschenden muslimischen Mehrheit an. Zwar war mir bekannt, dass in vielen Ländern Asiens das politische System nicht allzu transparent und teilweise doch sehr korrupt ist, seine Berichte über die staatlichen Repressionen schaudern mich jedoch. Das malaiische Parteienbündnis Barisan Nasiona regiert bereits unter verschiedenen Namen und Konstellation seit 1957 mit der absoluten Mehrheit. Er erzählte mir, dass es jedes Jahr wieder Christen gibt, die versuchen, sich gegen das repressive System aufzulehnen, diese aber von Muslimen zum Teil mit versteckter politischer Unterstützung niedergeschlagen werden. Es wird nicht gern gesehen, dass jemand das politische System hinterfragt, der Islam ist Teil des solchen. Ich bekomme Gänsehaut. Er spricht leise und schaut sich häufig um.

Angekommen in Kuala Lumpur springen mir die Folgen seiner Schilderung direkt ins Auge: Ich sehe Obdachlosigkeit, auf der einen Seite der Stadt herrscht die blanke Armut, während die Reichen auf der anderen Seite der Stadt immer reicher zu werden scheinen. Ein Markenladen reiht sich hier an den anderen. Das Ganze macht mich sehr nachdenklich. Ich verlasse Malaysia mit gemischten Gefühlen. Was ist das für ein System, welches immer weniger in die Bildung seiner Bevölkerung investiert, ja diese sogar reduziert, damit niemand sich gegen die Regierung erheben kann?

1. September, Tokio, 21:25 Uhr, als Gast

Nach drei Wochen in Japan, in denen ich unter anderem als Freiwillige in Himejii gearbeitet und viel über die Japanische Kochkünste und Traditionen in Kyoto  gelernt habe, hat es mich nun nach Tokio verschlagen. Ich besuche hier meine Freundin, mit der ich zusammen als Austauschschülerin in Amerika war. Ich werde herzlich von der gesamten Familie empfangen. Es gibt eine heiße Dusche – und eine Waschmaschine! All das reicht als Backpacker manchmal aus, um Hochgefühle auszulösen. Jeden Tag fühle ich mich ein bisschen mehr Zuhause in Japans Megametropole.

Unterwegs in Tokio.
Unterwegs in Tokio.Foto: privat

Ich bin erstaunt wie ähnlich doch unser Großstadtleben zu sein scheint. Am Abend an den überquellenden Straßenrestaurants in Asakusa vorbeizuspazieren, erinnern mich  an die Rosenthaler Straße, die schicken Gebäude entlang der lebendigen Uneo-Station an die Friedrichstraße. Tokio scheint mir wie ein asiatisches Berlin! Nur statt der Berliner Schnauze begegnen mir die immer äußerst höflichen und hilfsbereiten Japaner. Zu meinem Erstaunen können die meisten leider kaum Englisch, weshalb ich aber nur umso begeisterter versuche, japanische Floskeln zu lernen – leider selten erfolgreich. Nach einer Weile finde ich mich dank Nummern und Farben auch im japanischen Verkehrssystem trotz der Kanji-Schriftzeichen zurecht.

Der Lebensstandard ist deutlich höher, als in den Ländern, die ich zuvor bereist habe, was man immer gut an den Toiletten bewerten kann: Plumpsklo, westliche Toilette mit und ohne Klopapier oder das japanische „Ultramodell“ mit beheiztem Deckel, Musik und integriertem Waschbecken über der Spülung. Als sich zum Abschied die ganze Familie um den Küchentisch versammelt und mein Video über meine Erlebnisse in Tokio, was ich als kleines Dankesgeschenk zusammengeschnitten habe, anschaut, fließen doch glatt ein paar Tränen. Ich bin sprachlos.

Ein Geschenk

Während zwei Monate zuhause nur so im Flug dahinziehen, erlebe ich sie hier viel intensiver. Jeder Tag ist komplett unterschiedlich, vieles ergibt sich erst spontan. Oft muss man über seinen eigenen Schatten springen, aus sich herauskommen. Doch ist dies erstmal geschehen, erlebt man die schönsten Dinge.

Wenn man sich Fremd fühlt, dann wird man es auch bleiben. Es ist ein Geschenk, in einem Land als Gast angenommen zu werden. Für die Menschen in den Ländern, die ich bisher bereist habe, gilt es fast schon als selbstverständlich einen Fremden aufzunehmen und ihm nur das Beste zu geben – in meinem Fall ein Bett, frisches Brot und Herzlichkeit. Gerade bei der Debatte über Flüchtlinge denke ich intensiv darüber nach, ob ich ewig fremd bleiben wollen würde? Und bin auch ich bereit, Fremde als Gäste zu empfangen?

Mehr von Charlottes Reise im dritten Teil unserer Serie „Nach dem Abi um die Welt“, der mit der Arbeit als Englischlehrerin in Vietnam beginnen soll.

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