Berlin : Jugendgewalt: Auf dem Schulhof die Messer gezogen

Kerstin Gehrke

Der Fall erschütterte selbst Polizeibeamte mit jahrelanger Diensterfahrung: scheinbar einzig und allein aus purer Lust am Quälen hat eine Gruppe Jugendlicher einen 16jährigen Schüler entführt und mehrere Stunden lang gedemütigt, gequält und gefoltert. Die drei Haupttäter zwischen 16 und 21 Jahren wurden nun wegen Vergewaltigung, Freiheitsberaubung und Körperverletzung zu Jugendstrafen bis zu drei Jahren und zwei Monaten Haft verurteilt.

Immer wieder gerät die zunehmende Gewalt unter Jugendlichen in die Schlagzeilen. Zwei der besonders brutal anmutenden Fälle wurden jetzt vor Gericht verhandelt: Zwei Wochen lang tagte ein Amtsgericht in Tiergarten unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft zeigten sich die Angeklagten im Prozess geständig. Am 22. Oktober vergangenen Jahres hatten sie den 16-jährigen Schüler auf dem Gelände einer Charlottenburger Realschule angesprochen. Da spielte das spätere Opfer Basketball und hatte nichts mit den anderen zu tun.

Die Angreifer bespuckten den Schüler und zwangen ihn, auf die Tischtennisplatte zu steigen und für sie zu tanzen. Sollte er sich weigern, würden sie ihm ein Bein brechen, drohten sie. Das war der Beginn der insgesamt fast acht Stunden des Grauens, die der 16jährige über sich ergehen lassen musste. Die drei Haupttäter verschleppten ihr Opfer mit verbundenen Augen in eine Wohnung am Klausenerplatz.

Nach Angaben der Justiz musste der Junge jetzt nackt vor seinen Peinigern tanzen. Später wurden ihm brennende Zigaretten auf dem Rücken ausgedrückt. Mit den Worten "Wir haben hier einen lustigen Jungen" holten die Täter noch zwei Freunde in die Wohnung. Im Verlaufe des Abends wurde der 16-jährige sexuell missbraucht, mit Tischtenniskellen und Gürteln geschlagen und gezwungen, seinen eigenen Urin zu trinken. Schließlich musste der Schüler mit einer Unterschrift bestätigen, dass er keinerlei Misshandlungen erlitten habe.

Sowohl das langandauernde Quälen des Opfers als auch das jugendliche Alter der Täter sei bei der Höhe der verhängten Strafe berücksichtigt worden, teilte die Justiz mit. Gegen einen 21-jährigen und einen 18-jährigen Angeklagten ergingen Haftstrafen von jeweils drei Jahren und zwei Monaten. Gegen einen 16-jährigen verhängte das Gericht eine zweijährige Bewährungsstrafe. Ein vierter Mittäter wurde zu einem vierwöchigen Jugendarrest verurteilt.

In einem anderen Prozess um Gewalt durch Jugendliche müssen sich seit gestern drei Angeklagte im Alter zwischen 15 und 16 Jahren wegen versuchten Totschlags verantworten. Das 17-jährige Opfer soll von den Angeklagten in einem Streit um ein Mädchen lebensgefährlich verletzt worden sein. Zu der Auseinandersetzung kam es am 26. Januar vergangenen Jahres in der zweiten großen Pause vor der Gerhard-Hauptmann-Oberschule in Kreuzberg.

Laut Anklage flogen zunächst die Fäuste. Dann soll der damals 14-jährige Hauptangeklagte ein Messer gezogen und sechs mal auf das Opfer eingestochen haben. Der 17-jährige konnte nur durch eine Notoperation gerettet werden. Wie der Prozess um die Folterung des 16-jährigen findet die Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

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