Jugendgewalt : Eine starke Verbindung

Seit einem Jahr gehen in Spandau Jugendliche mit Polizisten auf Streife – ein Anti-Gewalt-Projekt, das als erfolgreich gilt.

Rainer W. During
Spandau
Gemeinsam auf Streife. Jugendgewalt soll in Spandau auf ganz eigene Weise begegnet werden: durch die Zusammenarbeit von Polizei...Foto: Oliver Wolff

Zuerst reagieren die jungen Deutsch-Russen, die abends auf einer Bank im Falkenhagener Feld die Flaschen kreisen lassen, skeptisch. Die vier Jugendlichen, die in Begleitung eines uniformierten Polizisten auf sie zugehen, tragen graue Sweat-Shirts mit dem Aufdruck „Stark ohne Gewalt“. Als einer von ihnen die Runde auf Russisch anspricht, ist das Eis gebrochen. Und am Ende werden Bier und Wodka eingetauscht – gegen Kaugummi und CDs. Es geht nicht nur ohne Gewalt, sondern auch ohne Alkohol, lautet eine der Botschaften, die die gemischten Kiezstreifen vermitteln. Dort, wo sie unterwegs sind, ist die Jugendgewalt um bis zu 20 Prozent zurückgegangen.

„Sei stark, stark ohne Gewalt. Keine Faust geballt, denn Stärke ist, was du in Dir trägst.“ Den Song zur Aktion hat der Spandauer Rockmusiker Jimmy G. komponiert. Die Scheibe wurde tausendfach vor Schulen und Kitas verteilt. Mittlerweile gibt es auch ein Video, eine Variante für Kinder und jetzt eine russische Version. Die Kiez-Rapgruppe Hata hat dafür den Werner-Salomon-Präventionspreis erhalten. Neben einem kleinen Geldbetrag brachte das die kostenlose Nutzung eines Tonstudios.

Der Spandauer SPD-Abgeordnete Raed Saleh hat das Projekt vor einem Jahr initiiert. Jeweils zwei bis drei Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund gehen gemeinsam mit ein oder zwei Polizeibeamten in ihren Wohnvierteln auf Patrouille. Bei der Jubiläumsfeier am Montagabend wurde der Politiker, der selbst arabischer Herkunft ist, zum Ehrenkommissar ernannt. Der Schlagstock, den er da überreicht bekam, blieb natürlich im Schrank, als Saleh gestern abend wieder einmal selbst mit auf Tour ging. Denn „Stark ohne Gewalt“ setzt auf Kommunikation statt Konfrontation. „Die direkte Ansprache ist der richtige Weg“, sagt er.

Mehr als 100 Jugendliche beteiligen sich inzwischen an den Rundgängen, von Streife darf wegen des hoheitlichen Charakters offiziell nicht gesprochen werden. „Wir wollen Zivilcourage vermitteln, aber keine Hilfssheriffs heranziehen“, erklärt Saleh. Wenn die jungen Leute mit den grauen Shirts demnächst auch in BVG-Bussen mitfahren, sollen sie verdeutlichen, dass das „Klatschen“ von Busfahrern eine Straftat ist. Wenn es doch zu Übergriffen kommt, sollen die jugendlichen Streifengänger „nicht die Helden spielen“, sondern per Handy die Polizei alarmieren.

Auch ältere Jahrgänge will der Abgeordnete aktivieren, er kann sich Eltern und Großeltern als zusätzliche Pausenaufsichten auf Schulhöfen vorstellen. Innensenator Erhart Körting (SPD), der zur Feier kam, lobte das Projekt. Eine Verschärfung des Jugendstrafrechts sei keine Lösung, sagte er. Vielmehr müsse verstärkt auf die Zusammenarbeit von Elternhaus, Schule, Bezirk und Polizei gesetzt werden. „Stark ohne Gewalt“ arbeite erfolgreich mit der Berliner Polizei zusammen.

„Wenn das Projekt in Spandau ein so großer Erfolg ist, erwarte ich, dass es der Polizeipräsident zu einem Regelangebot macht und auch auf unseren Bezirk zukommt“, sagte Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD). Im Rollbergviertel leiste man bereits im Jugendrechtshaus Präventionsarbeit mit Jugendlichen, dies habe in zwei Jahren zu einem 30-prozentigen Kriminalitätsrückgang geführt. Salehs Vorschlag einer Pausenaufsicht durch Eltern hält er für keine Alternative zum Wachschutz. Der werde in Neukölln nur zum Schutz der Schulen gegen Eindringlinge von außen eingesetzt.

Bedenken hat dagegen Peter Trapp, Vorsitzender des Innenausschusses im Abgeordnetenhaus. Er findet die Projekt-Idee zwar „nicht schlecht“, sieht aber Probleme beim Daten- und Versicherungsschutz. Die Teilnehmer könnten durchaus zur Vertraulichkeit verpflichtet werden, hält der innenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Björn Jotzo, dagegen. Bei einer Ausweitung der Aktion sei aber die versicherungsrechtliche Frage zu prüfen. Es liege in der Verantwortung der begleitenden Polizeibeamten, für die Vermeidung jeglicher Gefährdung zu sorgen. Grundsätzlich befürwortet auch Jotzo die Aktion. „Sie stärkt das Verständnis für die Polizei und erhöht deren Akzeptanz.“ Parallel dazu wünscht sich Jotzo verstärkt polizeiliche Präventionsbeauftragte an den Schulen.

„Die Berliner Polizei ist auf einem guten Weg von einer repressiven zu einer präventiven Haltung“, sagt der Innenexperte der Grünen, Volker Ratzmann. Er halte alles für gut, was das Miteinander-Reden fördere. Ratzmann kann sich vorstellen, das Projekt auf weitere Bezirke zu übertragen. Allerdings müsse es parallel dazu auch andere Projekte wie die Kreuzberger Kiezläufer geben, wo Kommunikation auch ohne Polizei in die Kieze getragen wird.

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