Jugendgewalt : Mein Freund und seine Helfer

Was tun gegen Gewalt? In Spandau geht die Polizei nun mit Jugendlichen auf Streifen. Ein Ortstermin.

Johannes Boie
Jugendgewalt Foto: Oliver Wolff
In Spandau geht die Polizei mit Jugendlichen auf die Straße. -Foto: Oliver Wolff

Unter der Brücke am Lindenufer herrscht Tristesse, nicht nur an diesem Freitagabend. „Jeden Tag“, sagt Franziska, „sitzen wir hier und trinken.“ Sie ist 18 Jahre alt und arbeitslos, wie die meisten ihrer Freunde. Wodka, Korn, Erdbeersekt sind ihre Antworten auf die Langeweile in Spandau. Bei manchen Jugendlichen staut sich die Langweile ins Unermessliche. Ab und zu muss dann der Druck abgebaut werden, zum Beispiel bei einer Massenschlägerei im Einkaufszentrum „Spandauer Arkaden“, wo sich Jugendliche dann nach Polizeiangaben verabreden, um Straftaten zu begehen. Oder bei der Kirmes im vergangenen Jahr, als 21 Straftaten zur Anzeige kamen, darunter auch schwere Körperverletzungen.

Das Ausmaß der Gewalt machte die Polizei ratlos. Ein Kiez nach dem anderen musste zu einem „kriminalitätsbelasteten Ort“ erklärt werden – dort geht die Polizei präventiv wesentlich härter gegen Straftaten vor als in anderen Teilen der Stadt. Doch die Maßnahme brachte kaum Besserung. „Mit traditionellen Mitteln war nichts mehr zu erreichen“, erinnert sich Polizeihauptkommissar Detlef Mischorr, 59, der Präventionsbeauftragter des zuständigen Polizeiabschnittes 21 ist. „Die Jugendlichen nahmen die Polizei nur noch als Feind wahr.“ Mischorr war besorgt, in Spandau über kurz oder lang mit „Pariser Zuständen“ rechnen zu müssen. Und auch in der Politik lösten die Vorfälle Sorgen aus. Dem Spandauer SPD-Abgeordneten Raed Saleh, 30, kam schließlich eine Idee, und jetzt gehen Jugendliche in Spandau zusammen mit Polizisten auf Streife. „Begegnung statt Konfrontation“, nennt Saleh das. Außerdem könnten die Jugendlichen Menschen erreichen, die sonst nicht mit der Polizei reden würden. „Wir kennen die Leute, die hier Ärger machen, persönlich“, erklärt Yusuf Sari, ein Junge mit türkischen Eltern, der regelmäßig mit dem Polizisten Frank Lüders auf Streife geht. „Früher hat man mit denen gespielt“, sagt Yusuf Sari, „dann haben die einen anderen Weg eingeschlagen.“

Wie alle Beteiligten trägt Sari an diesem Abend eine graue Jacke mit dem Aufdruck „21 – Stark ohne Gewalt“, die ihn als offiziellen Helfer der Polizei ausweist. Die Jugendlichen sind stolz, dass man sie ausgewählt hat. „Wir vertrauen ihnen“, erklärt Detlef Mischorr. Wie selbstverständlich laufen die jugendlichen Helfer durch die Gänge der Polizeiwache. „Früher wäre ich hier nie hin“, erinnern sie sich. Lüders nennen sie längst „Frank“ – der sportliche Polizist ist ihnen so etwas wie ein Vorbild geworden. Sie trainieren gemeinsam auf dem Polizeigelände und zum Abschluss der Streife gehen alle Döner essen. Das ist dann schon mal erst um Mitternacht.

Bevor die Gruppe kurz nach 19 Uhr losgeht, meldet Lüders seine Streife bei der Funkbetriebszentrale an. Wenn es Ärger gibt, wird umgehend Verstärkung geschickt. Lüders und die Jugendlichen ziehen sich dann zurück. „Wir sind keine Sheriffs“, sagen sie. Die Jungs verstehen sich als Mittler zwischen Polizei und ihrer Szene. Das können sie ausgezeichnet: Sie sprechen die Sprachen der Migranten, und sie sprechen die Sprache der Straße. „Ich lerne von den Jungs richtig viel“, sagt Lüders. Zum Beispiel, wie man mit älteren Migranten umgeht. „Die muslimische Kultur ist mir fremd“, sagt er, „da ist man für Einblicke dankbar.“ Mittlerweile begrüßt der Polizist die Jugendlichen lässig mit Handschlag und lockerem Spruch: „Alles klar bei euch?“ Trotzdem trägt er immer seine Uniform, dazu eine schusssichere Weste.

Für seine jungen Begleiter ist die Aufgabe an der Seite eines Polizisten allerdings nicht immer einfach. „Ich hänge ja auch in der Szene drin“, sagt einer von ihnen. „Ich kann Frank nicht immer alles verraten. Ich muss selber aufpassen, wer vor mir steht.“ Es soll in Spandau Jugendliche geben, die den Projektteilnehmern den „Seitenwechsel“ übel nehmen.

Und doch zeigt der ehrenamtliche Einsatz der Jugendlichen bereits erste Wirkung: Als die Sicherheitskräfte ein Jahr nach der desaströsen Kirmes zusammen mit ihren jugendlichen Helfern auf dem Rummel präsent waren, gab es weniger Gewalt, ja, es gab fast gar keine. Bei der Polizei ging nur eine Anzeige ein.

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