Berlin : Jung und jünger

Zwei aus einem Bezirk: Ein Comedian und eine Stadtführerin leben auf verschiedenen Seiten der Spree. Ades Zabel mag den Ost-Kiez auch, wo er arm ist, Nadja Sponholz kann nicht ohne Multikulti

Annette Kögel

Mein Ghetto

Nadja Sponholz hatte sich für eine ganz neue Lernmethode entschieden: Sie heftete ihre Uni-Unterlagen für die Prüfung im Hausflur an die Wand, so konnte sie davor auf und ab gehen und behielt den Überblick. Mit dem Beistand aus der Nachbarschaft hatte sie nicht gerechnet. Eine Nachbarin kochte etwas, um ihr Mut zu machen, eine andere brachte Getränke vorbei. „Später fragten mich alle aus dem Haus, welche Note ich bekommen habe. Hier zu wohnen, macht einfach Spaß.“ Nadja Sponholz lebt in Kreuzberg, Glogauer- / Ecke Reichenberger Straße. Am liebsten hätte die 28-Jährige Geschichte und Sozialkunde im alten SO 36 studiert. „Aber hier gibt es ja leider keine Uni“, sagt sie lächelnd. Sponholz kennt den Bezirk wie ihre Handtasche: Sie ist Weinrepräsentantin für den „Kreuz-Neroberger“, und sie ist seit Jahren Stadtführerin beim Kreuzberg Museum.

„Viele Besucher von außerhalb kommen mit den alten Vorurteilen hierher“, sagt Sponholz: Sie erwarten hinter jeder Ecke Steineschmeißer und Hausbesetzer. Doch sie zeigt beim „X-Berg-Tag“ das Kreuzberg hinter der Fassade – und lässt die Gäste im Süßigkeiten-Laden „Anatolia Kuruyemis“ am Kottbusser Tor Kichererbsen mit Schokoüberzug probieren. Schneider Mehmet in der Dresdner Straße berichtet später stolz, dass Richard von Weizsäcker ihn beauftragte.

Im türkischen Männercafé erzählt Nadja Sponholz die Zuwanderergeschichte Berlins – und zeigt auf Nachfrage gern die traditionelle Begrüßung: Erst der Handkuss , dann die Hand an die Stirn führen, schließlich Küsschen links und rechts. Nadja Sponholz spricht fließend Türkisch. „Und ich liebe meinen multikulturellen Bezirk.“ Zu viel Folklore?

Sponholz kennt Kreuzbergs dunkle Flecken. „Wenn ich Stadträtin wäre, würde ich versuchen, das Problem mit den Drogenabhängigen am Kotti in den Griff zu bekommen. Ich würde soziale Projekte langfristig über Jahre fördern, nur so können sie was bewirken.“ Sie findet es wichtig, dass Migrantenkinder richtig Deutsch lernen – aber auch, dass man ihnen endlich das Gefühl gibt, keine Ausländer zu sein. „Sie sind doch als Kreuzberger geboren!“

Nadja Sponholz nervt „die Lethargie vieler sozial Schwacher“, und sie wünscht sich, „mehr politisches Bewusstsein“ in dem Stadtteil, den sie liebevoll „mein Ghetto“ nennt. Was sagt sie dazu, dass die Gegend rund um den „Görli“ immer attraktiver wird für Künstler und Unternehmer; dass selbst teure Eigentumswohnungen weggehen wie warmes Pide? „Einige schmücken sich damit, dass sie Kreuzberger sind, tauchen aber nicht wirklich ein.“

Anders Nadja Sponholz. Sie gerät ins Schwärmen, wenn sie vom alten Berlin Museum erzählt und dem „Zeitungsviertel“ an der Kochstraße, in dem sie aufgewachsen ist. Nur die Gegend am Anhalter Bahnhof findet sie fade. Sie erzählt gern, dass der Bezirk eigentlich „Hallesches Tor“ heißen sollte und doch nach dem Kreuz auf dem Berg benannt wurde. „Für mich gibt’s nichts Schöneres, als mit einer Flasche Bier am Nationaldenkmal zu sitzen und über den Wasserfall auf Berlin zu schauen.“

Meine Allee

Als ich hierher zog, bin ich mit unglaublicher Begeisterung mehrmals die Frankfurter Allee rauf und runtergegangen.“ Diese Bauten, diese Weite! Damals hatte Ades Zabel genug von Bergen aus alten Kühlschränken, dreckigen Matratzen und selbstgebauten Tierkäfigen in seiner alten Heimat, der Flughafenstraße in Neukölln-Nord. Auf der Bühne ist er Neukölln, in dem er achteinhalb Jahre zu Hause war, treu geblieben: Da verkörpert der 42-jährige Comedian mit Perücken und Orangen im BH die typische Neuköllner Hausfrau Edith Schröder. Doch im zweiten Leben jenseits der Auftritte ist Andreas „Ades“ Zabel längst Friedrichshainer.

Ob er auch zum Ost-Bezirk im Schatten der Türme am Frankfurter Tor so eine trashige Kultfigur wie Edith mit Leggings und Futschi ersinnen könnte? „Da würde mir schon was einfallen“, sagt Zabel, der seit Freitagnacht mit einer neuen Edith-Show im Admiralspalast gastiert. „Bei mir hinterm Haus sehe ich immer diese unglaublich hinfälligen, netten alten Damen. Oder Menschen, die Pfandflaschen aus den Glascontainern fischen“, sagt Ades und nimmt einen Schluck Tee im Café neben dem Kino Intimes an der Boxhagener Straße. Das Kino mag er besonders, „weil ich hier Filme gucken kann, wenn die großen Lichtspielhäuser sie nicht mehr zeigen“. Der Kinoszene hat es der gebürtige Spandauer letzlich auch zu verdanken, dass er in den Ost-Berliner Szenebezirk kam. „Der Besitzer vom Kino International hatte mir erzählt, dass an der Frankfurter so viel leer steht.“ Jetzt lebt Zabel in einer Wohnung, die schon beinahe so luftig und weitläufig ist wie die Allee, auf die er hinunterschaut. „Und seitdem ich weiß, dass das die meist befahrene Straße mit der höchsten Feinstaubbelastung ist, schmecken mir die Kräuter vom Balkon noch besser.“

Dafür ist alles schnell zu erreichen. Das schätzt der Hobby-DJ am Kiez rund um die Simon-Dach-Straße: Restaurants, Läden, Hinterhofgeschäfte, die Märkte am Boxhagener Platz. Und der Club Berghain ist auch nicht weit: „Da kann man um Mitternacht hingehen, aber auch mittags um zwölf.“

Zabel liebte Friedrichshain schon in den neunziger Jahren, als „hier noch Anarchie herrschte“. Damals saß er mit Freunden in den Bars draußen bis in den frühen Morgen. Als ehemaliger Westberliner fühlte er sich im Osten gleich heimisch. „Wegen der Leute, wegen des studentischen Publikums.“ Vermisst er nicht das Multikulti-Flair, wie etwa in Kreuzberg? „Mein Freund wohnt an der Sonnenallee, da finde ich es schon faszinierend, wie sich ein arabisches Geschäft ans andere reiht“, sagt Zabel. „Aber wohnen möchte ich dort nicht.“ Seinem Lebensgefährten wiederum ist die Frankfurter Allee zu laut und der Kiez „zu cool und zu trendy“.

Über eines kann sich der Kult-Komiker aber so richtig amüsieren. „Ich hab’ hinterm Haus auf dem Rasen tatsächlich so ein altes, verbeultes Schild entdeckt: Ballspielen verboten.“ Das können nur Spießer aufgestellt haben. Annette Kögel

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