Kabarettist Frank Lüdecke im Interview : "Der Nerv der Zeit nervt gewaltig"

Warum eigentlich ist das Kabarett nicht totzukriegen? Polit-Satiriker Frank Lüdecke über Bühne, Brille und Berlin.

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Der Kabarettist Frank Lüdecke, 53.
Der Kabarettist Frank Lüdecke, 53.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Frank Lüdecke, 53, wurde als Kabarettist und Autor vielfach ausgezeichnet. Von 2006 bis 2008 war der gebürtige Berliner Künstlerischer Leiter der Distel.

Herr Lüdecke, wenn Sie in Berlin auftreten, wer sitzt dann im Publikum?

Nicht nur meine Verwandtschaft. Es sind schon Menschen da, die Zeit und auch Geld aufwenden, um mich auf der Bühne zu sehen. Das finde ich natürlich großartig. Aber ich glaube, Sie wollen von mir hören, dass es weniger Menschen zwischen 20 und 30 sind, die sich ins politische Kabarett verirren. Keine Ahnung, wer diese Vermutung in die Welt gesetzt hat – ich kann aus eigener Erfahrung allerdings sagen: Da ist was dran.

Ist Kabarett noch zeitgemäß?
Ich bin seit 25 Jahren auf Tournee und mache politisches Kabarett seit meiner Schulzeit in Charlottenburg. Ich muss diese Frage wegen Befangenheit zurückweisen.

Warum ist Kabarett nicht totzukriegen?
Weil es zeitgemäß ist.

Nervt Sie dieser Nerv der Zeit auch so gewaltig?
Einerseits nervt er mich, teilweise auch gewaltig. Andererseits bildet er die Grundlage meiner ökonomischen Basis. In diesem Gedanken steckt auch ein Stück Selbstkritik, glaube ich.

Wo liegt das größte Frustrationspotenzial für einen Kabarettisten?
Kürzlich hörte ein Freund nach meiner Vorstellung bei den Wühlmäusen den Dialog zweier Zuschauerinnen: „Weißt du, was ich am besten fand?“ – „Na?“ – „Seine Brille.“ Wenn man so viel Zeit und Arbeit investiert und am Schluss bleibt ein Fielmann-Produkt hängen – das ist schon bitter.

Warum genau ist Berlin keine gute Stadt für das Kabarett?
Berlin ist nur keine gute Stadt für Kabarettisten. Das liegt an der geografischen Lage. Berlin ist der Übergang des Kabarettisten zum Fernfahrer.

Wieso ist Berlin die beste Stadt, die sich das Kabarett wünschen kann?
Hier ist das politische Zentrum des Landes, es ist alles vielfältiger und internationaler als in anderen deutschen Städten, wir haben den ökologischsten Flughafen (alter Kalauer!) – und sehr viele Menschen, die älter sind als 30.

Wenn Kabarett eine Wirkung hätte, wäre es dann verboten?

Wie die Wahlen, meinen Sie? Kabarett hat eine Wirkung. Es unterhält, provoziert oder bestätigt, lenkt ab oder animiert zum Denken, bestenfalls. Das ist gar nicht so wenig Wirkung.

BER, Truppen-Uschi, die Merkel-Raute – muss man die einfachen Pointen mitnehmen, um das Publikum zu halten?
Ich bin da für friedliche Koexistenz. Der Kalauer sollte in die Gemeinschaft der Pointen integriert sein. Nur, wenn er anfängt einen Führungsanspruch zu erheben, müssen wir wehrhaft bleiben.

Wie hart sind die Genregrenzen, die zwischen Kabarett, Comedy oder auch den Lesebühnen verlaufen?
Das ist komplex und zum Teil sind die Grenzen inzwischen fließend. Für alle, die sich nicht so auskennen, als erste optische Orientierung gilt: Der Comedian hält ein Mikrofon in der Hand.

Trotz allem, wann haben Sie es das letzte Mal bereut, Kabarettist zu sein?
Im Frühstücksraum des Hotels in Unterhaching.

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