Kältewelle : Eisbrecher und Einbrecher

Viele Faktoren machen gefrorene Seen unberechenbar. Jedes Gewässer friert anders.

Stefan Jacobs

Eingeschläfert werden muss er wohl nicht, aber für den Rest der Saison fällt er aus: „Seeotter“, der Eisbrecher des Wasser- und Schifffahrtsamtes (WSA), der am Sonntag wegen eines Motorschadens die Moabiter Brücke gerammt und dabei seinen Führerstand eingebüßt hat. Während die Brücke nur eine Schramme abbekam und die Besatzung in Deckung gehen konnte, liege das Schiff in Köpenick auf Werft, sagt WSA-Chef Michael Scholz.

Die vier verbliebenen Eisbrecher – die sonst als Arbeitsschiffe genutzt werden – reichen nach Auskunft von Scholz für die rund 450 Kilometer Bundeswasserstraßen in und um Berlin gerade noch aus, solange es nicht wieder so kalt wird wie in der vergangenen Woche. Ohnehin würden Prioritäten gesetzt. Nummer eins: Dahme und Spree zwischen dem Kraftwerk Klingenberg und Königs Wusterhausen, wo die Kohleschiffe fürs Kraftwerk starten. Auch die Zufahrten zu den Kraftwerken Reuter und Charlottenburg würden möglichst frei gehalten. „Das ist volkswirtschaftlich anerkannt und mit uns abgestimmt“, sagt Scholz. Vattenfall müsse dafür nichts bezahlen. Wer dagegen seinen Privatsteg eisfrei haben wolle, sei mit 350 Euro pro Stunde dabei. Zu viel für die BVG: Deren drei ganzjährige Fährlinien sind eingestellt. „Eine Kosten-Nutzen-Frage“, sagt Sprecherin Petra Reetz. „Es geht ja nicht um Inseln.“

„Wenn die Eissaison ohnehin zu Ende geht, machen wir bei den Fähren natürlich auch mal einen Schlenker“, sagt Scholz und fügt hinzu, dass ein in Ufernähe rumorender Eisbrecher leicht Stege beschädigen könne. Schleusentore und Brücken dagegen hielten den Druck aus, aber an Engstellen könnten sich Barrieren auftürmen und das Wasser stauen.

Warum jedes Gewässer anders friert, erklärt der Physiker Christof Engelhardt vom Institut für Gewässerökologie: Das ganzjährig sieben bis acht Grad warme Grundwasser wirke in manchen Seen wie eine Heizung. Speziell der Tegeler See, an dem die Wasserbetriebe Trinkwasser fördern, habe einen starken Grundwasseraustausch.

In der Stadt erwärmen Einleitungen und Hauskeller am Ufer die Gewässer. „Das wirkt oft sehr lokal. Und zwei Grad mehr machen unheimlich viel aus“, sagt Engelhardt. Daran kann es liegen, dass etwa der Urbanhafen trockenen Fußes passierbar ist, während eine Ecke weiter Schollen auf dem Landwehrkanal treiben.

Geheizt werden Spree und Teltowkanal vor allem von Kraft- und Klärwerken. Zehn bis 13 Grad habe das geklärte Abwasser, sagt Eike Krüger von den Wasserbetrieben. Allein das Klärwerk Ruhleben leite täglich 230 000 Kubikmeter in die Spree. Da friert so schnell nichts zu. Und wo es friert, hält es nicht immer: Am Sonntag brach nach Auskunft der Polizei ein Mann im Großen Wannsee ein. Er konnte gerettet werden. Stefan Jacobs

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