Berlin : Kaffeeklatsch in Schinkels Kirche

In unserer treffsicheren Serie landeten wir diesmal mitten in Wedding: im Gemeindehaus an der Ecke Pank- und Badstraße

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Eine alte Frau im dunkelblauen Mantel steht auf Krücken gestützt auf dem Bürgersteig. Sie heißt Eva Bonin, und das Leben hat sie krumm gemacht. Sie hebt den Kopf und blickt durch den Metallzaun. Hinter ihr rumort der Verkehr. Vor ihr, auf dem Rasen neben der Paulskirche, 1832 von Karl-Friedrich Schinkel als eine von vier Vorstadtkirchen errichtet, steht ein Obelisk, auf dem hockt der Reichsadler, umkrallt noch immer die Weltkugel, darunter das Eiserne Kreuz und eine verwitterte Tafel: „Den in den Feldzügen 1864, 1866, 1870, 1871 gebliebenen Mitbürgern. Die Anwohner des Gesundbrunnens in treuem Angedenken.“ Eva Bonin ist gerade 82 Jahre alt geworden und auf dem Weg zum Geburtstagskaffee im Gemeindehaus der Paulskirche. Aber sie ist früh dran und hat noch Zeit. Seit 52 Jahren wohnt sie im Gesundbrunnen-Kiez, erzählt sie. Mit ihrem Mann sei sie hierher gezogen. Doch der ist lange tot. „Heute ist hier alles Multikulti“, sagt sie, „aber wir vertragen uns alle gut.“

Im Gemeindehaus riecht es nach frischem Kaffee. Die beiden Pfarrer Andreas Hoffmann und Alfred Lang begrüßen Eva Bonin am Eingang zum Gemeinschaftsraum. Zwölf alte Damen und drei Herren sitzen an der Kuchentafel – auf etwa tausend Lebensjahre Wedding summiert sich das Alter der Seniorenrunde. „Unsere Gemeinde wird immer älter“, sagt Pfarrer Hoffmann. Als er vor 16 Jahren hier anfing, gab es noch 11 000 Mitglieder. Heute sind es 5000. „Entweder die Leute sterben hier oder sie ziehen weg – vor allem die Familien mit Kindern.“ Der traditionelle Gottesdienst für die Schulanfänger sei im letzten Jahr ausgefallen – aus Mangel an Christenkindern in der türkisch und arabisch geprägten Umgebung der Paulskirche.

Kirchenorganist Michael Bernecker sitzt am Klavier. „Geh aus mein Herz und suche Freud“, singt die Seniorenrunde. Wie jeden zweiten Montag im Monat, wenn sich die Geburtstagskinder im Gemeinschaftsraum treffen, muss Heidrun Nagel mit ihrer Frauengruppe von den Weight Watchers in die Kirche nebenan ausweichen. Während die Senioren Kaffee und Kuchen genießen, kommen nacheinander mehrere Damen herein, die sich bei Heidrun Nagel auf die Waage stellen wollen. „Kommen Sie doch herein“, ruft ihnen Pastor Alfred Lang aus der Seniorenrunde entgegen. „Hier gibt es Kaffee und Kuchen – mit Sahne.“ Die beiden ersten Frauen flüchten, ehe sie der Versuchung erliegen können. Pfarrer Lang lächelt unter einem mächtigen Schnurrbart, der ihm bis über die Wangen reicht. Er trägt eine Halskette und einen Siegelring mit der Aufschrift Harley Davidson. Eine dritte Frau irrt sich in der Tür, Alfred Lang wiederholt seine Einladung. „Ich geh mich nur schnell wiegen“, verspricht sie, „dann komme ich wieder.“ Michael Bernecker regt das nächste Lied an: „Wem Gott will rechte Gunst erweisen – den schickt er in die Wurstfabrik, haben wir früher immer gesungen.“ Eva Bonin lacht und lässt sich noch ein Stück Apfelkuchen zu ihrem koffeinfreien Kaffee geben. Stephan Wiehler

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