Kalender : Zwölf Monate Berlin

Die meisten Wandkalender aus Berlin zeigen die Touristenecken. Aber es gibt auch Ausnahmen.

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Im Defa-Film „Hostess“ (1975) sonnt sich Annekathrin Bürger vorm Plattenbau (im "Filmstadt Berlin"-Kalender).Weitere Bilder anzeigen
Foto: Dieter Jäger/„Filmstadt Berlin“, Progress-Verleih
16.12.2011 10:08Im Defa-Film „Hostess“ (1975) sonnt sich Annekathrin Bürger vorm Plattenbau (im "Filmstadt Berlin"-Kalender).

Hinter dem Dezember gähnt nur noch Leere, ein blanker Pappdeckel, sonst nichts. Bald wird auch das letzte Kalenderblatt fallen und signalisieren: Wieder ein Jahr vorbei. Doch längst stapeln sich in Buchhandlungen und Kaufhäusern die Fotokalender fürs kommende Jahr. Berliner und ihre Gäste sind dabei privilegiert: Sie können aus einer besonders großen Vielfalt von Angeboten mit Ansichten ihrer Stadt wählen.

Etliche Kalender sind allerdings wenig einfallsreich. Denn so rasant sich Berlin auch wandelt, die Hauptmotive der gedruckten Wegweiser durchs Jahr bleiben doch Brandenburger Tor, Fernsehturm, oder der Reichstag, die touristischen Highlights eben, oft ähnlich abgelichtet und aufs Papier gebracht. Manche Kalendermacher aber entdecken zwischen dem Ewiggleichen das, was die Stadt liebenswert und besonders macht, wählen ungewöhnliche Orte oder auch künstlerische Perspektiven – ohne dabei gleich wieder urbanen Moden zu folgen.

So ist Neukölln bei den jungen Kreativen längst Trendbezirk. Doch für „N+ 2012 – Neukölln anders“ haben, organisiert von der Bürgerstiftung Neukölln, Bewohner im Rahmen eines Wettbewerbs ihren Kiez fotografiert, fernab vom Hype um die boomende Kneipenmeile Weserstraße und das Tempelhofer Feld. Herausgekommen ist ein buntes Bezirksporträt, mit betenden Frauen in der Moschee, einem Lattenzaun aus alten, bunten Skiern und mit der Britzer Mühle als einer schwarzen Silhouette vor tiefblauem Himmel (7 Euro, erhältlich bei der Bürgerstiftung und im Creativ-Centrum Leuchtturm, Emser Straße 117).

Auch Rolf Salecker lädt ein zum fotografischen Kiezspaziergang, aber nicht nur. „Unterwegs in Spandau“ ist ein Kalender, aber zugleich ein kleiner Reiseführer, mit dem schöne Orte vor der eigenen Haustür entdeckt werden können. Auf den Blättern findet man den Alten Wall, die Dorfkirche Alt-Staaken oder den Blick in einen Hinterhof in der Neustadt mit Motorroller, Schubkarre und rotem Sofa. Auf der Rückseite gibt es Infos und Tourenvorschläge durch Spandau und Umgebung, zum Beispiel einen Spaziergang über elf Brücken, von der Wasserstadtbrücke bis hin zur Stößenseebrücke (11,95 Euro, im Spandauer Buchhandel und auf www.unterwegs-in-spandau.de).

Andere Kalendermacher zeigen touristische Orte in künstlerischer Verfremdung. Uwe Brade spielt in „Berlin 2012“ mit Überblendungen und Spiegelungen. Die Weltzeituhr am Alexanderplatz etwa hat er durch Scheiben fotografiert, so verschwimmt das Motiv. Der Reichstag spiegelt sich unscharf in einer kleinteiligen Glasfassade. Mehrfachbelichtungen lassen das Dach des Sony Centers wie einen blauen Kristall erscheinen (Parthas Verlag, 28 Euro).

Auch für Kinofreunde gibt es einen Tipp: den Tischkalender „Filmstadt Berlin“ des Progress-Verleihs. Darin sind Fotos und Infos zu Spiel- und Dokumentarfilmen aus den Jahren 1946-1990, die in Berlin von der Defa gedreht wurden. Zum Beispiel Heiner Carows „Die Legende von Paul und Paula“ mit dem bunten Kahn, der durch die Rummelsburger Bucht schippert. Und auch der längst abgerissene Palast der Republik kehrt hier zurück: Auf Szenenfotos vom Baubeginn (10 Euro, Tel. 2400 3351).

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