Berlin : Kampf gegen Lärm: Mit Tempo 30 den Straßenlärm halbieren

Werner Schmidt

Unsere Stadt ist in den vergangenen Jahren immer lauter geworden. Das liegt vor allem an der größeren Zahl von Schwerlastern, die durch die innerstädtischen Straßen fahren. Für Reinhard Kliemke von der Bürgerinitiative Schöneberger Kiez könnte es schon helfen, wenn am Kaiser-Wilhelm-Platz die Abbiegemöglichkeit in die Kolonnenstraße gesperrt würde. Viele Lastwagen nehmen diese Abkürzung auf ihrem Weg nach Tempelhof, anstatt bis zur Dominicusstraße und von dort weiter auf die Stadtautobahn zu fahren. Rund 50 000 Autos passieren Kliemke zufolge täglich den Kaiser-Wilhelm-Platz. Die Möglichkeiten zu verkehrsberuhigenden Maßnahmen auf der Hauptstraße seien eingeschränkt, denn sie ist zugleich Bundesstraße, sagte Kliemke.

Einen Lärmpegel von 75,2 Dezibel (dB A) haben Studenten der Technischen Universität (TU) gestern Mittag dort gemessen. Ein Wert, der vergleichbar sei mit einem weit über Zimmerlautstärke eingestellten Fernsehgerät, sagte Christian Maschke. Er ist Privatdozent am Institut für technische Akustik der TU. Studenten dieses Fachbereichs nahmen sich gestern insgesamt fünf Straßenkreuzungen in Berlin vor. Sie zählen nach dem Berliner Umweltatlas mit zu den lautesten in der Stadt.

Mit 80,1 dB A rangiert die Schnellerstraße am S-Bahnhof Schöneweide an der Spitze. Allerdings haben dort Presslufthämmer an einer Baustelle die digitalen Lärmmessgeräte der Studenten zu ihren Höchstleistungen getrieben. Weitere Messstellen waren in Weißensee die Berliner Allee/Albertinenstraße (71,4 dB A), in Wilmersdorf der Hohenzollerndamm/Seesener Straße mit 72,9 dB A und in Neukölln der Bereich am Rathaus mit 72,4 dB A.

Den Kampf gegen den Lärm haben sich nicht nur die Studenten auf die Fahne geschrieben, auch der Senator für Stadtentwicklung tutet in dieses Horn: Möglichst in diesem Jahr soll in zwei Bereichen modellhaft Lärmschutz erprobt werden. Bisher stehen aber weder die Gebiete fest noch die anzuwendenden Verfahren, sagte Bernd Lehming, der bei der Senatsverwaltung für Lärmschutz zuständig ist. Allerdings sei mit "verkehrslenkenden Maßnahmen" eine Menge zu erreichen. Umgehungsstraßen könnten den Verkehr aus den Innenstädten fernhalten, Sperrung von Straßen die Verkehrsströme lenken.

Der verkehrspolitische Sprecher des Verkehrsclubs Deutschlands (VCD), Gerd Lottsiepen, schlug vor, auf mehr Hauptstraßen die Höchstgeschwindigkeit auf Tempo 30 zu beschränken. Das menschliche Ohr nehme dies wie die Halbierung der Verkehrsmenge war. Zur Zeit wird auf einem Teilstück der Stromstraße in Tiergarten Tempo 30 erprobt. In der Vergangenheit hatten immer wieder Lärmgeschädigte geklagt, weil die Straßenverkehrsbehörde ihre Anträge nach Verkehrsberuhigung abgelehnt hatte. In der Mehrzahl der Fälle entschieden die Richter gegen die Behörde. Diese hat aber bisher in kaum einem Fall reagiert.

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