Kampf gegen Neonazis : Eine Frage der Manieren

Prenzlauer Berg: Ein Kiez stand am 1. Mai auf gegen Neonazis. Danach sind darüber viele Bürger froh und stolz.

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Ein paar Transparente hängen noch an den Stätten des Triumphes, ablehnende Sprüche, durchgestrichene Hakenkreuze, aber auch psychologisch Einfühlsames wie „Armer kleiner Nazi! Zum Lieben fehlt dir doch der Mut…“.

In Prenzlauer Berg herrscht am Sonntag wieder Normalität, nur eine Menge Müll auf der Kreuzung von Wichert- und Greifenhagener Straße kündet noch vom Vortag, als 10.000 Bürger hier eine Nazi-Demo verhinderten. Ihre Blockade hatte sich sogar als unnötig erwiesen, da die Rechtsextremisten es nicht einmal annähernd dorthin schafften – schon kurz nach dem S-Bahnhof Bornholmer Straße war für sie wegen der vielen Gegendemonstranten kein Durchkommen.

Dass gerade hier, in dieser mittlerweile bürgerlichen Gegend, so viele auf die Straße gingen und ihren Kiez verteidigten oder von Balkonen herunter mit Kochtöpfen gegen die Nazis lärmten, hat manchen erstaunt. Das hatte man nicht von diesem Publikum erwartet, von den gebildeten und wohlhabenden jungen Leuten, die ihre Zweijährigen zur musikalischen Früherziehung bringen, auf Biokost achten und in ihrem Soziotop von Kreativen und Freiberuflern auf hohem Niveau leben, ohne Ausländer und andere Herausforderungen – und die auch apolitisch sind?

„Natürlich nicht“, sagt ein 32-jähriger, der im Bundestag arbeitet. „Ich habe x-mal gegen Nazis demonstriert, und in Gorleben war ich auch.“ Das vergesse man schließlich nicht. „Aber jetzt bekommen wir ein Baby, und dann zieht man entweder ins Grüne oder hierher, weil es hier die richtigen Angebote gibt.“

Man könnte auch sagen: Der typische Prenzlauer-Berg-Bewohner ist für eine bessere und schönere Welt, er ist kreativ, polyglott, und diese beschränkten Nazis stören da einfach. Es ist auch eine Frage des guten Benehmens, sich ihnen entgegenzustellen. „Ich hätte mich jetzt nicht einfach auf den Balkon setzen können“, sagt eine 43-jährige Designerin, die ihre riesige Deutsche Dogge spazieren führt oder umgekehrt. „Man kam im Grunde nicht daran vorbei, bei der Gegendemo mitzumachen.“ Es seien zwar auch einige Punks und Leute aus der linken Szene da gewesen, aber: „Ich war erstaunt, wie viele Bürgerliche und Familien auf die Straße gegangen sind. Die haben eben alle noch ein linksliberales Bewusstsein.“

Nur die Vietnamesin mit dem Blumenladen hat lieber dicht gemacht. „Letztes Jahr hatte ich auf, aber dieses Jahr hatte ich Angst“, sagt sie. „Ich als Ausländerin würde vielleicht angegriffen.“ Ein 34-Jähriger, der sich im Waschsalon die Wartezeit mit einem französischen Krimi verkürzt, hat Lob für die Obrigkeit übrig. „Die Polizei hat die linke Demo nicht aufgelöst, das war sehr gut“, sagt er. Mit den Demonstranten ist er zufrieden: „Es war schön, dass es so viele waren – und dass es keinen Krawall gab.“ Man hat Prenzlauer-BergBewohnern auch schon vorgehalten, ihre zur Schau getragene Toleranz werde nie auf die Probe gestellt. Das immerhin ist jetzt mal geklärt.

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