Kampfsport : Denn sie kämpfen bis zur Ohnmacht

Kickboxen, Muay Thai und Mixed Martial Arts: Kampfsport wird in Deutschland immer populärer und kehrt dabei zurück zu seinen Wurzeln, denn erlaubt ist (fast) alles. Zu Besuch bei einem Kampfabend in Neukölln.

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In der Disziplin K1, einer Variante des Kickboxens, traten diese beiden Kämpfer bei der Heroes Fight Night gegeneinander an. Verletzungen bleiben bei auch diesem Sport nicht aus.
In der Disziplin K1, einer Variante des Kickboxens, traten diese beiden Kämpfer bei der Heroes Fight Night gegeneinander an....Foto: DAVIDS/Fischer

Keine Stunde mehr bis zum Kampf, und Ivan hat ein Problem. Das verdammte Antibiotikum! Ivan hält sich die offene Hand vor den Hals. „So dick war der. Mandelentzündung. Konnte bis vor kurzem kaum schlucken.“ Zwei Wochen kein Training, den Körper voll mit Arznei. So soll er gleich in den Ring steigen, gegen einen kurz geschorenen Fighter mit grimmigem Van-Damme-Blick.

Warum macht der das? Das ist die eine Frage, die sich stellt. Wer schaut sich das an, das ist die andere. Aber eins nach dem anderen. Ivan, 28, gebürtiger Russe, mit 16 nach Deutschland, KfZ-Mechaniker, siebenjähriger Sohn, spricht mit ruhiger Stimme. Zur Begrüßung gibt er die Rechte und legt die Linke noch sanft oben auf den Handrücken. Auf der Straße würde man ihn mit seiner dünnrandigen Brille nie für einen Boxer halten. Seine Ringbilanz: zwei Niederlagen. „Aber das waren beides gute Kämpfe“, sagt er, Lächeln, glänzende Augen. Er sagt: „Wenn das Publikum danach aufsteht und dir applaudiert ...“

Um die 500 Leute dürften es sein im „Huxley’s“ in Neukölln. Sonst spielen hier Indie-Bands. Heute aber: „Heroes Fight Night“, organisiert vom Ringside Gym Berlin. Das Publikum sieht erst mal szenetypisch aus. Die Schlange vor dem Klo hat ein breites Kreuz. Hier haben die Pullis Kapuzen und die Hosen viele Taschen. Zu sehen aber auch: Parkas. Knallenge Jeans. Und, vor allem, Mützen. Die Macbook-Generation entdeckt ja schon seit einer Weile die Gyms der Stadt für sich, trommelt unter dem Schlagwort „Freizeitboxen“ auf Sandsäcke ein.

Im „Huxley’s“ sind vor allem Kämpfe im Thaiboxen und im K 1 zu sehen, einer Kickbox-Variante. Man schlägt und tritt sich also, kurz gesagt. Muay Thai ist in Thailand Nationalsport, dort fast mehr Zeremonie und Tanz als Kampf. Auch hier in Berlin-Neukölln ist das wippende Ritual vor Beginn obligatorisch. Während der Runden greller Sound, in der Luft der scharfe Geruch des Körperöls. Schienbeintritte und Drehschläge sind erlaubt, dennoch dauert es lange bis zur ersten blutigen Nase. „Ihh, ich kann da nicht hinsehen“, sagt leise jemand auf den Stehplätzen. Die meisten schweigen.

Brutaler wird es dann beim einzigen „Mixed Martial Arts“-Duell des Abends. Im MMA kehrt die Szene zu ihren Wurzeln zurück, es wird so unerbittlich gekämpft wie vor 2.500 Jahren. „Ultimate Fighting“ nennen sie das. Die Handschuhe sind ein Witz, polstern kaum die Knöchel. Erlaubt ist fast alles, auch Schläge gegen am Boden Liegende. Führende deutsche Sportpolitiker verweigern die Anerkennung als Sport, TV-Übertragungen sind in Deutschland verboten. Kämpfe enden praktisch immer vorzeitig. So auch hier. Keine 30 Sekunden sind vergangen, da liegt der eine zuckend am Boden. Mit einem Würgegriff hat ihm sein Gegner den Hals zugedrückt, bis zur Ohnmacht.

Wer nach Klischees über die Szene sucht, wird auch an diesem Abend fündig. Haare hat man in manchen Teams eher keine, dafür umso mehr Tattoos. Oben im Ring bearbeitet gerade ein glatzköpfiger Kämpfer, „102 austrainierte Kilo“, wie der Hallensprecher stolz ausruft, einen 124 Kilogramm schweren Tschechen, der immer wieder wie ein Wolf knurrt. An der Bar ordert eine junge Frau Bier und Schnaps. Sie wippt im Takt der Elektrobässe. Und, wie ist es so? „Am Anfang war es noch ein bisschen lahm von der Crowd her, aber jetzt geht es ganz gut ab.“ Die Klitschkos schaue sie ab und an, aber das hier ist ihr erster Kampfabend. Gefällt ihr gut. „Der Kampf Mann gegen Mann, ein bisschen auch die Brutalität, klar. Und das Event, diese Energie der Masse.“

Und dann klettert Ivan in den Ring, Dreitagebart, pechschwarze Haare, vorher hat er noch beschwörend mit den Handschuhen über die Ringseile gestrichen. „Applaus für Ivan Stafitshuck!“ Er ist jetzt ein anderer, der sanfte Blick ist weg, die Brauen tief, die Augen starr zu Boden. Volle Konzentration. Adrenalin frisst Antibiotikum. Ivan kämpft gut, er ist entschlossen und zäh, steckt die Tritte seines Gegners weg, lässt sich nicht in die Ecke drängen. Er hat schon immer gekämpft, hat er vorher noch gesagt, „damals in Russland, da war das überlebenswichtig.“ Man merkt jetzt, was er meint.

Nach dem letzten Gong reißt Ivan die Arme schräg nach oben, er sieht jetzt tatsächlich aus wie die ewige Kämpfer-Ikone Rocky hoch oben auf seinen Museumsstufen. Ganz oben zu sein, der Held für einen Abend, für einen Moment, darum geht es dann wohl. Großer Applaus. Ivan hat endlich einen Kampf gewonnen. Und oben, zwischen den Seilen, steht schon der nächste Kurzzeitheld, funkelnder Pokal, Schweißglänzen, Siegerfoto. Auf seiner Hose steht „Tiger“.

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