Berlin : Kanal-TV: Filme aus der Unterwelt

Bernd Wieprecht prüft Rohre–mit der Kamera

Stefan Jacobs

Bernd Wieprecht sitzt im Regiekabuff und sieht fern. Kanal-TV, wie jeden Tag. Heute im Programm: der Regenwasserschacht unter der Märkischen Allee in Marzahn. Rund, 50 Zentimeter Durchmesser, Faserzementrohr. Durch die helle Röhre fährt die Kamera auf ein schwarzes Loch zu. Angestrengt guckt Wieprecht in die Röhre. Jetzt bloß nicht die Kamera abstürzen lassen.

Der in einen grauen Transporter der Berliner Wasserbetriebe eingebaute Regieraum ist fensterlos und gut geheizt. Er wackelt sachte, wenn auf der Nachbarspur ein Lkw vorbeibraust. Es ist der beste Arbeitsplatz, den Wieprecht je hatte. Der 48-Jährige kommt ursprünglich vom Hochbau. Seine vier älteren Brüder hatten ihn gewarnt. Bernd, haben sie gesagt, im Hochbau ist der Ton rau. Wieprecht hat nicht auf sie gehört. Ein paar Jahre hat er es ausgehalten, dann ist er ihnen in den Tiefbau gefolgt. Hat Kanalmaurer gelernt und sich bei den Wasserbetrieben zum Netzprüfer ausbilden lassen. Jetzt steuert er die 65000 Euro teure Digitalkamera, die die Wasserbetriebe seit Februar zur Kanalinspektion erproben: Risse aufspüren, eingewachsene Wurzeln, Lecks. Auf einem Hubwagen fährt sie durch den Kanal und macht alle fünf Zentimeter ein Foto. Wie ein Daumenkino flimmern die Bilder über zwei Monitore in der Wand. 450 Meter weit kann sie mit ihrem Kabel fahren, wenn nichts dazwischen kommt. Aber in Kanälen kommt oft was dazwischen.

Diesmal ist es nur das schwarze Loch: eine 15 Zentimeter hohe Stufe, drei Kanaldeckel vom Auto entfernt. Wieprecht schickt einen Kollegen per Funk zu der 200 Meter entfernten Einstiegsstelle, um die Kamera über die Stufe zu heben, und markiert die Stelle in einer Karte auf dem Schreibtisch. Links steht der Hochleistungsrechner, auf dem sie jeden Tag bis zu 15 Gigabyte Bildmaterial speichern. Größere Schäden entdecken sie schon bei der Kamerafahrt, die Feinheiten sichten Ingenieure im Büro.

Mit der Computermaus kann Wieprecht die Kameraaugen – eins vorn, eins hinten – bewegen, als hocke er selbst im Schacht. Er sieht alles, aber er riecht nichts. Das ist vielleicht der größte Vorteil. „Regenwasserkanäle riechen nach Wald“, sagt er. „Modrig, aber angenehm.“ An Abwasserkanäle hat er sich dagegen bis heute nicht gewöhnt. Nicht, dass er sich noch vor irgendwas ekeln würde, aber die Kombination aus dem Gestank und der dunklen Enge verursacht Beklemmungen. Der Inhalt von Toiletten allein wäre auch zu ertragen. Aber wo die Leute Essensreste und Kartoffelschalen ins Klo schütten, gibt es auch Ratten. Die Kamera hat schon manchmal eine vor sich her gescheucht.

Hin und wieder bleibt das Gerät auch im Fett stecken, das im Kanal kleben bleibt. Dann weiß Wieprecht als alter Hase, dass eine Frittenbude in der Nähe sein muss. Wenn die Räder des Kamerawagens im Fett durchdrehen, kann er ihn notfalls am Kabel rausziehen. Und anschließend putzen.

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