Berlin : Kapital für Kreative

Designer setzen in Berlin mehr als eine Milliarde Euro um. Das ist erst der Anfang, hofft die Branche

Alexander Visser

Der DJ Paul van Dyk ist dabei. Ebenso das Fashionlabel Kaviar Gauche, die Architekten Graft, der Modedesigner Michael Michalsky und andere Vertreter der kreativen Szene Berlins. Sie machen eine Art Butterfahrt nach New York, wo sie in einer Ausstellung in Soho mit Berliner Design werben. Parallel dazu werden Berliner Designprodukte im Shop des Museum of Modern Art (MoMA) verkauft. Zur Eröffnungsfeier am 17. Mai wird auch der Regierende Bürgermeister erwartet. Wer Klaus Wowereit diesen Auftritt als Lustreise auslegen will, verkennt womöglich die Bedeutung des Wirtschaftsfaktors Design: Architekten, Mode-, Produkt- und Kommunikationsdesigner sorgen in Berlin für mehr als eine Milliarde Euro Umsatz im Jahr. Rechnet man die Werbebranche hinzu, sind es 1,7 Milliarden Euro.

Der Berlin Day in New York wurde vom Netzwerk Create Berlin initiiert, zu dem sich 40 Berliner Designfirmen zusammengeschlossen haben. „Wir fördern den Austausch mit anderen Design- Metropolen in der Welt, um Berliner Design bekannter zu machen“, sagt Sebastian Peichl, Sprecher der Initiative. Zuvor hatten sich die Berliner bereits in Mailand, Tokio, Moskau und Paris vorgestellt. „Berlin hat die Chance, weltweit die Designmetropole Nummer eins zu werden“, sagt Peichl. Aber der weiß auch, dass es bis dahin noch ein langer Weg ist. Und doch: 2006 wurde Berlin von der Unesco als erste europäische Metropole zu einer „Stadt des Designs“ gekürt. „Das war ein toller Erfolg für unsere Sache“, sagt der gebürtige Wiener.

Peichl ist Vorstand der Firma Art + Com, die sich durch unkonventionelles Mediendesign einen Namen gemacht hat. Beispiel: das „Timescope“, ein Münzfernrohr mit Zeitreisefunktion. Der Betrachter kann nicht nur Straßenszenen betrachten, sondern auch Fotos aus verflossenen Jahrzehnten aufrufen und so die Stadtentwicklung im Zeitraffer verfolgen. „Schön, dass wir für die Entwicklung des Timescope mit der Wall AG einen Partner aus Berlin finden konnten. Wall will die Geräte an verschiedenen Standorten der Stadt aufstellen“, sagt Peichl. Dass er mit einer ortsansässigen Firma zusammenarbeitet, kommt nicht so oft vor. Berliner Kunden sind sonst eher öffentliche Auftraggeber, etwa das Naturkundemuseum. Aufträge aus der Industrie bekommt Art + Com eher von außerhalb Berlins, wie etwa für das BMW-Museum in München.

Design- und Werbeagenturen in München, Hamburg oder Düsseldorf haben mehr Großkunden vor der Haustür. Trotzdem sind einige Berliner Werber gut im Geschäft: Die Berliner Dependance von Scholz & Friends wirbt für Mercedes Nutzfahrzeuge, ddb für Volkswagen, die Agentur Heimat für Audi. Berliner Designer wie Art + Com, Meta Design oder Graft Architekten haben sich international einen Namen gemacht.

Doch den meisten Werbern und Designern fällt es schwer, Großaufträge nach Berlin zu holen. „Leider fehlt vielen Firmen die notwendige Professionalität“, sagt Silke Claus, Geschäftsführerin des Internationalen Design-Zentrums Berlin. 80 Prozent der Berliner Anbieter seien Kleinstfirmen, die von zwei, drei Designern betrieben werden. Die hätten zwar kreative Einfälle, aber „zu wenig marktreife Projekte“. Designer aus Skandinavien oder Großbritannien seien zielstrebiger.

Die Schwäche hat die Senatsverwaltung für Wirtschaft nach eigenem Bekunden erkannt und will Abhilfe schaffen: So wird die Investitionsbank Berlin 2007 erstmals einen Risikokapitalfonds speziell für die sogenannten Creative Industries auflegen, also für Designer, Kunstgalerien oder Filmfirmen. 30 Millionen Euro stehen dafür bis 2013 bereit. „Das sind keine Fördermittel für Existenzgründer, die zwei Designer und fünf Praktikanten beschäftigen“, sagt Ingrid Walther, die als Referatsleiterin in der Senatsverwaltung für Wirtschaft für die Kreativindustrien zuständig ist. „Damit sollen jene Firmen Finanzierungsmittel bekommen, die wirklich wachsen und Arbeitsplätze schaffen wollen.“

Damit eifert Berlin einem Modell nach, das die Kreativindustrie in London zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor gemacht hat. Berlin hat die Chance, sich neben London zu einem europäischen Schwergewicht zu entwickeln. Die klassische Kulturinfrastruktur ist mit weltweit angesehenen Opern, Orchestern, Theatern und Museen bestens ausgebaut. Auch Nachwuchs wird auf hohem Niveau ausgebildet. Als Standortvorteil Berlins werden meist die relativ günstigen Lebenshaltungskosten genannt, die Firmengründungen erleichtern. „Das kann aber kein entscheidender Faktor sein, denn London ist teuer und trotzdem eine sehr kreative Metropole“, sagt Walther.

Die ihrem Arbeitsbereich angegliederte Landesinitiative Projekt Zukunft will die Kreativen künftig gezielter professionalisieren. Ein Beispiel: Auf der Leistungsschau Designmai (12. bis 20. Mai) werden Berliner Designer mit Vertretern der Industrie zusammengebracht. Die freundlichen Kontakte sollen sich später in konkreten Aufträgen niederschlagen. Alexander Visser

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