Berlin : Karl Oriwohl (Geb. 1917)

„Das Instrument heißt Bandonion, das ist die korrekte Schreibweise“

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Drei Notenzeilen nur, aus der Erinnerung mit Bleistift auf einen Streifen Papier gemalt. Wie heißt das Stück? In den dreißiger Jahren war es in Berlin populär, so viel weiß der ältere Akkordeonspieler aus den Vereinigten Staaten. Er fragt einen anderen älteren Herrn, der zu Besuch aus Deutschland da ist. Auch er hat keine Idee. Der Streifen Papier fliegt über den Atlantik, geht in Berlin von Hand zu Hand, monatelang, alle schütteln den Kopf. Bis Karl Oriwohl einen Blick auf die Noten wirft: „Das ist La Burrasca, ein Menuett. Hab’ ich ewig nicht gehört.“

Karl Oriwohl hatte ein phänomenales Gedächtnis und mutmaßte, dass es ursprünglich mit seinen Augen zusammenhing. Als Junge litt er unter einer Sehbehinderung. Weil er keine Brille hatte, durfte er im Unterricht kurz nach vorn kommen, um sich das Tafelbild einzuprägen. Diese Fähigkeit zeigte sich in hunderterlei Details, alles, was er einmal hörte oder nachschlug, blieb in seinem Kopf: Eines Abends etwa sah er, zusammen mit einem Freund, einen Betrunkenen aus einem Lokal torkeln und der Länge nach hinschlagen. „Der hat jetzt eine Lokalanästhesie“, kommentierte Karl Oriwohl die Szene, um sogleich einen Vortrag über Carl Ludwig Schleich, den Nestor der lokalen Betäubung, zu halten.

Als wirklich wichtig erwies sich sein Gedächtnis im Beruf. Karl Oriwohl war Musiker, Bandonionspieler, der alle Stücke, auch von Liszt und Scarlatti, besonders Bach, auswendig konnte. Er bestand auf dem „i“ in Bandonion. „Bandoneon ist falsch“, schrieb er in seinen Erinnerungen, „das Instrument heißt Bandonion, das ist die korrekte, historisch begründete, richtige Schreibweise. Vielleicht haben wir bald Peano, Veolene, Concertena.“

Zu Beginn des letzten Jahrhunderts war das Bandonion ein Volksinstrument. Damals gab es mehr Bandonion- als Fußballvereine, 1500 in Deutschland, 131 in Berlin. Karl Oriwohl begann mit 15 zu spielen. Sein musikalisches Gespür hatte sich viel früher entwickelt, in der Berliner Wohnstube, in der seine Mutter saß und nähte und während des Nähens sang, unterdessen Karl zu ihren Füßen hockte und mitsang. Das erste Bandonion kaufte er in der Musikinstrumentenfabrik „Wilhelm König“, für 110 Mark, von denen er zunächst nur 50 Mark anzahlen konnte. Er nahm Unterricht bei einem Gastwirt, drei Jahre darauf bewarb er sich bei einem Verein, spielte die Ouvertüre aus „Orpheus in der Unterwelt“ und wurde aufgenommen. Ab 1938 besuchte er das Stern’sche Konservatorium, das die sogenannten Volksmusikinstrumente in die akademische Lehre aufnahm.

1939 wurde er eingezogen. Sein Bandonion nahm er mit. In englischer Gefangenschaft dann stellte er sich auf einen Lkw und spielte. Ein Akkordeon- und ein Gitarrenspieler sprachen ihn an. Sie übten zu dritt. Ihr erstes Konzert fand vor 3000 Soldaten statt, für eine Scheibe trockenes Brot.

Zurück in Berlin nahm er den Unterricht am Konservatorium wieder auf. Das Geld zum Leben verdiente er im „Goldtröpfchen“, einem Weinrestaurant in der Nähe des Ku’ damms, trat als Alleinunterhalter auf, sieben Jahre lang, sieben Tage die Woche, von 20 Uhr am Abend bis 2 Uhr in der Nacht, alles im Stehen, alles auswendig und mit Gesang. Unterhaltungsstückchen zum Mitsingen und Mitschunkeln bot er dar, erfreute das Publikum mit artistischen Einlagen, befestigte ein volles Glas auf dem Instrument und trank spielend. Dabei mochte er die leichte Muse nicht. Hin und wieder kamen nach ihren Vorstellungen Opernsänger im „Goldtröpfchen“ vorbei, und Karl Oriwohl versuchte es mit Bach. Das Stammpublikum jedoch sah dann auf die Uhr, schwatzte und scharrte unruhig mit den Füßen.

Karl Oriwohl war der Einzige, der Bachs Toccata und Fuge auf dem Bandonion spielen konnte. Und er besaß in seiner 120-Quadratmeter-Wohnung die größte Bandonionsammlung der Welt. Sein Bandonion war ein speziell für ihn gebautes. Er schrieb ein Buch, „Das Bandonion. Ein Beitrag zur Geschichte der Musikinstrumente mit durchschlagenden Zungen“. Er gab es selbst heraus wie auch die Schallplatten, die er aufnahm. Aber er war kein Geschäftsmann. Seinen Unterhalt verdiente er als Archivar im Berliner Musikinstrumenten-Museum.

Sich zu vermarkten, dazu fehlte ihm jedes Talent. Einmal wurde er zu einer Geburtstagsfeier eingeladen, er sollte in dem großen Saal für 90 Leute das musikalische Rahmenprogramm liefern, fuhr aus seiner Friedrichshagener Wohnung bis nach Kladow, wo sich die eleganten Gäste um das kostspielige Büfett drängten und bekam 100 Euro Gage.

Karl Oriwohl besaß weder ein Radio noch einen Fernsehapparat, Langeweile war ihm ein Fremdwort, er schnitzte Miniaturgeigen in der Länge eines Streichholzes und Konzertflügel, die auf einen Handteller passen, fertigte Intarsienarbeiten und Scherenschnitte an. Wenn Besuch sich angesagt hatte, stand er schon zeitig am Gartenzaun mit Zylinder und Einstecktuch, bat die Gäste an die Kaffeetafel, erzählte aus seinem Leben, spielte Bach und stand spät in der Nacht dann wieder am Zaun, winkend mit dem Taschentuch. Tatjana Wulfert

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