Berlin : Kastaniensterben: Noch kein Schutz gegen Invasion der Motten

Umweltsenator ruft Experten zusammen, Anwohner betroffener Straßen wollen helfen / Tipp: Befallenes Laub einsammeln / Blätter von 20 000 Bäumen zerfressen

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Von Christian van Lessen

„Die Leute wollen alle den Kastanien helfen, brauchen aber Rat und hoffen vor allem auf die Stadtreinigung“, sagt Ernst Karbe. In seinem Fotoladen an der Friedenauer Fregestraße ist der trostlose Zustand der Bäume seit Tagen Gesprächsstoff. Die Kunden diskutieren, wie die Miniermotte zu bekämpfen ist, wie andernorts mit ihr umgegangen wird, schauen immer wieder kummervoll auf die Straßenbäume: Braun, welk und fleckig sehen rund 20 000 Kastanien überall in der Stadt aus, das Laub ist von zig Millionen Motten zerfressen und vorzeitig gealtert. Während andere Bäume noch grün sind, verlieren die Kastanien ihr letztes Laub. Im nächsten Jahr werden vermutlich die ersten der traditionellen Straßenbäume eingehen.

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz plant einen Runden Tisch, der schnell einen Ausweg finden soll. Alle Fachabteilungen sollen das Problem erörtern, auch die Stadtreinigung will man gewinnen, Laubsäcke günstiger zur Verfügung zu stellen. Ein Patenmittel gegen die Motte hat man bislang nicht gefunden. Aber die Verwaltung weiß, dass ohne Mithilfe aus der Bevölkerung nichts geht.

„Warum verbrennt man nicht wenigstens das abgefallene Laub,“ fragen die Leute, die das Elend am Straßenrand oder in Hinterhöfen vor Augen haben. Doch privates Verbrennen ist untersagt. Um den Schädlingsbefall in Grenzen zu halten, empfehlen Experten deshalb das Kompostieren oder Vergraben von Laub. Denn an den Blättern haften die Puppen der Motten. Die Berliner Stadtreinigung rät allerdings, nicht selbst zu kompostieren, sondern dies den mit großer Hitze arbeitenden Großkompostierungsanlagen zu überlassen, die im Auftrag der BSR Laub einsammeln. Deshalb sollte die Bevölkerung BSR-Laubsäcke füllen und zum Abtransport an die Straßen stellen – oder die Blätter in die Biotonne stecken.

Der Leiter des Pflanzenschutzamtes Berlin, Holger Schmidt, warnt aber vor Aktionismus und Illusionen. Wer Kastanienlaub vergrabe, müsse es mindestens zehn Zentimeter tief unter die Erde bringen. Doch mit Laubbeseitigung alleine bekomme man das Problem nicht in den Griff.

Das Brandenburger Pflanzenschutzamt, das zur Zeit in der Nähe der Glienicker Brücke ein Versuchsfeld zur Bekämpfung der Motte anlegt, hält zwar Laubverbrennen für recht wirksam, weist aber zugleich auf den Bedarf an Pflanzenschutzmitteln hin. Das Problem dabei: Sie dürfen nur auf landwirtschaftlich, gärtnerisch oder forstwirtschaftlich genutzten Flächen verwendet werden.

Holger Schmidt vom Pflanzenschutzamt Berlin berichtete, dass für das aus Pflanzenextrakt hergestellte Präparat Schädlingsfrei Neem eine Genehmigung zum Einsatz an Roßkastanien vorliegt. Es könne aber nur vor Beginn einer Vegetationsperiode und unter bestimmten Voraussetzungen an kleineren Bäumen angewandt werden. Das Verspritzen von Präparaten stößt auf technische Schwierigkeiten, wegen der Größe der Bäume müssten Hubschrauber eingesetzt werden.

Im Pflanzenschutzamt werden derzeit auch Verfahren für Stamm-Injektionen geprüft. Untersucht wird zudem die Gießmethode, mit der Pflanzenschutzmittel an die Wurzeln gebracht werden. Und auch die Mottenbekämpfung mit Parasiten wird geprüft. Kein Mittel hat laut Holger Schmidt aber bisher einen durchgreifenden Erfolg versprochen, auch nicht der Einsatz von Sexual-Lockstoffen.

Beim Obstbaumschädling Apfelwickler flogen Männchen auf Duftstoffplättchen, die mit Leim versehen waren – sie blieben kleben. Ihre Weibchen erwarteten sie vergeblich. Beim viel massiveren Befall der Kastanien gibt es allerdings Zweifel an der Wirksamkeit dieser Methode.

In Speyer, Regensburg und Würzburg wagte man den Versuch zwei Jahre hintereinander. Von Motten befallene Bäume wurden mit „Gelbtafeln“ behängt, die einen Lockstoff enthielten: Pheromon. Nach jeweils sechs Wochen mussten sie ausgetauscht oder gesäubert werden. Man verbuchte tatsächlich Erfolge, allerdings im zweiten Jahr weniger als beim ersten Mal.

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