Kastrationspflicht : Katzenfreunde im Wahlkampf

Tierschützer fordern eine Kastrationspflicht für Kater gegen die unkontrollierte Vermehrung. Ein Problem stellen die Kosten dar.

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Schnurrende Plage. So niedlich Katzen auch sind - in manchen Stadtteilen hat die Population an verwilderten Tieren überhand genommen.
Schnurrende Plage. So niedlich Katzen auch sind - in manchen Stadtteilen hat die Population an verwilderten Tieren überhand...Foto: Thilo Rückeis

Die organisierten Tierschützer in Deutschland zeichnen sich dadurch aus, dass sie gut organisiert sind. Deshalb gelingt ihnen ab und zu ein Erfolg, den sie nicht unbedingt erwartet hätten: Vor einigen Tagen zog beispielsweise die zuständige Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher ihren Plan zurück, die Berliner Stadttauben zu Schädlingen zu erklären und damit gewissermaßen zum Abschuss freizugeben. Berlins Tierschutzbeauftragter Klaus Lüdcke hatte mit seinem Rücktritt gedroht, der Tierschutzverein hatte protestiert – das reichte.

Mit diesem Rückenwind geht das seit 2010 vereint marschierende Trio von Tierschutzverein, Bund gegen Missbrauch der Tiere und Tierversuchsgegnern nun in die nächste Runde: Thema ist die offenbar stark zunehmende Zahl wild lebender Katzen. Wolfgang Apel, der Präsident des Berliner Tierschutzvereins, schätzt ihre Anzahl freihändig, „aber sehr zurückhaltend“ auf 100 000, auf verwilderten Grundstücken, verlassenen Fabrikgeländen und Friedhöfen, von der Öffentlichkeit meist kaum wahrgenommen.

Diese Tiere leiden unter Futtermangel und fehlender medizinischer Betreuung. Und der Eindruck jener, die sich in den Tierheimen und an externen Futterplätzen mit Katzen beschäftigen, ist: Es werden immer mehr, weil sie sich unkontrolliert weiter vermehren. Rein rechnerisch, so heißt es, könne ein einziges Katzenpaar in zehn Jahren 240 Millionen Nachkommen zeugen.

Die Lösung, so meinen Apel und andere Experten, komme aus Paderborn. Die Stadt hat eine Katzenschutzverordnung erlassen, die alle Katzenhalter zur Kastration ihrer Tiere verpflichtet, sofern diese Tiere ins Freie dürfen. Und: Als Katzenhalter gilt auch, wer freilaufenden Katzen regelmäßig Futter gibt. Der Paderborner Ansatz gilt als erfolgversprechend, denn es heißt, sehr viele Katzenfreunde hätten inzwischen dem sanften Druck der Verordnung nachgegeben, obwohl keine ausdrücklichen Sanktionen drohen. Verschiedene Gemeinden haben inzwischen mit ähnlichen Vorschriften nachgezogen, und Claudia Lotz vom Bund gegen Missbrauch der Tiere betont, auch die Städte Bremen und Köln hätten eine solche Kastrationspflicht angekündigt. Die Berliner Verwaltung hält sich bedeckt, sieht offiziell keinen Bedarf an einer solchen Verordnung.

Das Problem sind natürlich die Kosten. Zwischen 80 und 135 Euro koste eine Kastration, sagt Apel, das können und wollen viele nicht aufbringen. Es läge an den organisierten Tierärzten, das zu ändern, doch die sind an ihre Gebührenordnung gebunden und fühlen sich damit offenbar auch ganz wohl. „Es wäre schon ein großer Schritt“, sagt Wolfgang Apel, „wenn die Veterinäre nur den Sozialtarif berechnen würden“, also den jeweils niedrigsten geltenden Satz, aber das geschehe nur selten. Die Tierheime selbst mit ihren eigenen Tierärzten dürfen nicht tätig werden.

Der Berliner Tierschutzverein gibt nach Apels Angaben jährlich bis zu 100 000 Euro für Kastration, Versorgung und Betreuung frei lebender Katzen aus, finanziert ausschließlich aus Spendengeldern – in dieser Summe sind die zahllosen ehrenamtlichen Arbeitsstunden nicht erfasst, ohne die diese Aufgabe überhaupt nicht zu lösen wäre. „Wenn das alles nicht passierte“, sagt Lüdcke, „dann wäre aber was los hier in Berlin, dann wäre jeder Buddelkasten ein Katzenklo.“

Folglich setzen die Katzenschützer auf eine Plakatkampagne, deren Start nicht zufällig in den beginnenden Wahlkampf fällt. Im Mittelpunkt steht ein Plakat, das zwei Katzen vor einem sonnenähnlich illuminierten Kondom zeigt – drastische Illustration der Forderung nach „Kuscheln ohne Folgen“. Ob es hilft, wird sich zeigen. Der Tierschutzbeauftragte Klaus Lüdcke wiegelt vorsichtshalber ab: „Ich kann ja nicht jedes Mal mit meinem Rücktritt drohen.“

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