Berlin : Katalog der verlorenen Schätze

Tausende Werke der Akademie der Künste sind noch immer in Russland

Helmut Caspar

Die Entdeckung ließ das Herz der Berliner Kunsthistorikerin Jelena Findeisen schneller schlagen: Im Archiv des Moskauer Architekturmuseums war sie auf Dutzende Vorentwürfe für das Denkmal Friedrich II. Unter den Linden gestoßen. Namhafte Künstler hatten die Zeichnungen um 1800 angefertigt. Auch Skizzen des Luther-Denkmals in Wittenberg konnte Jelena Findeisen aufspüren. Allerdings durfte sie die Blätter nicht reproduzieren, sondern konnte nur schnelle Handskizzen anfertigen. Schließlich handelte es sich bei den Originalen um Beutekunst – ein Thema, auf das die russischen Stellen allergisch reagieren. Immerhin konnten so die Vorlagen identifiziert werden: Sie stammen aus dem Besitz der Berliner Akademie der Künste, die gestern einen Katalog über ihre im Krieg verschollenen Kunstwerke vorstellte.

Jahrzehntelange Recherchen der Forscherinnen Ingrid Hägele, Gudrun Schmidt und Gudrun Schneider haben damit einen Abschluss gefunden. Im Jahre 1956 gab die Sowjetunion zwar zahlreiche Kunstwerke an die DDR zurück, die die Rote Armee als Beutegut beschlagnahmt hatte. Doch nicht alles kehrte zurück. Die Verluste aufzulisten glich einer Sisyphusarbeit, denn viele Inventare waren verloren oder nicht präzise genug. Gudrun Schmidt, zugleich Leiterin der Kunstsammlung der Akademie, beschrieb die Verluste als unfassbar und überaus schmerzlich. Zu den 2188 in dem Katalog aufgeführten Gemälden, Skulpturen, Zeichnungen und druckgrafischen Werken sowie 671 Aktenstücken müssten noch weitere 18000 grafische Blätter und andere Kostbarkeiten gerechnet werden, über die es nur globale Vorstellungen gibt. Besonders schwer wiegen die Verluste bei Arbeiten von Carl Blechen und Johann Gottfried Schadow, Daniel Chodowiecki und Anton Graff, Adolph Menzel, Antoine Pesne, Augustin Terwesten und Bernhard Rohde. Die Akademie hofft, dass nicht alles unwiederbringlich zerstört ist, sondern vieles in russischen Museen und Archiven aufbewahrt wird – wie die Skizzen zum Friedrich-Denkmal.

Der Katalog, der auch demnächst im Internet unter www.adk.de gelesen werden kann, geht an zahlreiche Museen und Sammlungen, an Polizeibehörden und Auktionshäuser. Denn für den Fall, dass das eine oder andere mit einem Akademie-Stempel versehene Blatt oder Buch auftaucht, kann es schnell identifiziert werden. Ob die Veröffentlichung solcher Verlustkataloge die russische Politik beeindruckt, ist kaum zu erwarten. Wolfgang Maurus, Leiter des Referats Rückführung von Kulturgut und deutsch-russische Kulturbeziehungen bei Kulturstaatsministerin Weiss, sprach sich für Geduld aus. Hektische Anstrengungen, die von Russland gegen alles Völkerrecht zurückgehaltenen Beutestücke zurückzuführen, führten zu nichts. Gefragt seien ein Mentalitätswechsel, ein Umdenken im Land, ganz ausgeschlossen ein „Abkauf“ der gesuchten Stücke.

Katalog „Kriegsverluste der Preußischen Akademie der Künste“ (202 S.), zahlreiche Abbildungen, 7,50 Euro

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben