Berlin : Katastrophenschutz: Der Experte

Simone Leinkauf

Katastrophen faszinieren ihn, wenn auch ganz anderen Gründen, als das bei den meisten Menschen der Fall ist: Als Horst Brandt die ersten Aufnahmen des World Trade Centers sah, da war zuerst das Entsetzen über dieses unglaubliche Geschehen. Doch schon sein nächster Gedanke galt der Rettung der Menschen und dem ungeheueren logistischen Aufwand, der bei einem solchen Rettungseinsatz anfällt.

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Umfrage: Bodentruppen nach Afghanistan? Horst Brandt weiß, von was er spricht: Als Leiter der Kriminalpolizeilichen Katastrophenkommission stand er den Rettungseinsätzen bei Großunglücken in Berlin in den vergangenen Jahren vor: 1986 ermittelte er beim Anschlag auf die Diskothek La Belle, 1989 beim Hotelbrand am Kurfürstendamm und 1998 bei einer Gasexplosion in der Lepsiusstraße, bei der ein Mehrfamilienhaus zusammenstürzte. Im letzten Fall waren 400 Helfer 50 Stunden damit beschäftigt, die Trümmer Stück für Stück abzutragen, immer in der Hoffnung, noch Lebende unter dem Schutt zu finden. Da konnte Brandt schon auf die Vorbereitungen des Berliner Katastrophenschutzgesetzes zurückgreifen, das von dem 63-Jährigen mit angeschoben und 1999 in Kraft gesetzt wurde.

Brandt bemühte sich über Jahre hinweg um die Kommunikation zwischen Feuerwehr, Rettungskräften, Polizei, Gerichtsmedizinern und Ärzten, um die Verhaltensweisen im Ernstfall möglichst genau miteinander abzusprechen. Seiner Meinung nach geht es ganz pragmatisch um Ordnung, um Organisation und Absprachen und die Kenntnis aller beteiligten Kräfte um die Bedürfnisse des jeweils anderen: So sollte ein Arzt daran denken, ein blutiges Kleidungsstück den Polizisten zur Spurensicherung zu übergeben.

Der Katastrophenschutz ist schon fast ein Steckenpferd des auch im privaten Leben gut organisierten Mannes. Nachdem Horst Brandt 1998 pensioniert worden war, arbeitete er noch für zwei Jahre als Katastrophenschutz-Obmann der Feuerwehr. Anfang der Woche kam er von einer Reise aus Polen zurück, bei der er als Mitglied des Vereins Polizisten helfen e. V. Sachen und Geld für die Opfer der dortigen Flutkatastrophe ablieferte. Die langjährige Auseinandersetzung mit dem täglichen Chaos im Beruf hat aus Horst Brandt einen Menschen gemacht, bei dem selbst die Shampooflaschen im Badezimmer der Größe nach geordnet sind. Das einzig Chaotische in seiner Wohnung in Marienfelde ist eine junge Katze, die über Tische und Bänke springt. Liebevoll nimmt der Pensionär das Tier auf den Arm. Die Bewegung macht deutlich, dass dieser Mann, der in seinem Leben Hunderte von Toten und Schwerstverletzten gesehen hat, keineswegs abgestumpft ist. Auch wenn er beherrscht und distanziert von seiner Arbeit als Kriminalbeamter berichtet, so ist zu spüren, dass es ihm bei seinem Engagement für den Katastrophenschutz vor allem um die betroffenen Menschen geht.

Schon kurz nach seinem Eintritt in die Mordkommission setzte sich Brandt für eine begleitende Betreuung von Opfern und Helfern bei Gewaltdelikten und im Katastrophenfall ein."Wenn man nur noch zerfetzte Körperteile findet, dann geht das an die Substanz. Dann ist auch Hilfe für die Helfer notwendig." Heute gehören Psychologen und Seelsorger für Hilfskräfte und die Angehörigen von Opfern längst dazu. Doch als Horst Brandt seine ersten Mordfälle aufklärte, war das anders: "Wenn ich da Hilfe angefordert hätte", erinnert er sich, "hätten die meisten Kollegen mich als Weichei bezeichnet." Die Erfahrung, dass beispielsweise bei der Übermittlung von Todesnachrichten sowohl die Polizeibeamten als auch die Angehörigen mit dieser Situation allein gelassen wurden, ließ ihn dennoch nicht los. Horst Brandt setzte sich deshalb als Leiter der Mordinspektion in Berlin für eine gezielte Betreuung von Helfern und Angehörigen ein. 1993 entwickelte er mit dem Gefängnisgeistlichen Vincens in Tegel ein Konzept, wie Pfarrer in Notsituationen Hilfe leisten können: Am 17. Januar 1995 wurde die Berliner Notfallseelsorge vorgestellt. Sie war damals bundesweit einmalig.

Im vorigen Jahr erhielt Horst Brandt das Bundesverdienstkreuz. Zur Zeit schreibt er an einem Buch über seine Zeit bei der Polizei, berät TV-Produktionen und hofft, auch die Katastrophenvorsorge weiter vorantreiben zu können.

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