Katholische Kirche : Der Heiligmacher von Berlin

Gotthard Klein bekleidet in der katholischen Kirche das Ehrenamt des Postulators. Sein Ziel: die Heiligsprechung des einstigen Berliner Domkapitulars Bernhard Lichtenberg. Seine Aufgabe: ein Wunder finden, das dieser gewirkt hat.

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Alles für einen. Gotthard Klein war bereits als junger Archivar der Berliner Diözese an dem Verfahren zur Seligsprechung Bernhard Lichtenbergs (links auf dem Gemälde) beteiligt.
Alles für einen. Gotthard Klein war bereits als junger Archivar der Berliner Diözese an dem Verfahren zur Seligsprechung Bernhard...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Irgendwann kommt der Moment, da sind die Ruten ausgeworfen, die Netze ausgelegt. Dann wartet der Angler. Dass etwas anbeißt, und das Warten ist das Schönste, weil mit dem Warten die Ruhe kommt, die Gelassenheit, darum sitzt man schließlich am See, eigentlich. Gotthard Klein sitzt in seinem Büro in Kreuzberg in der Nähe der Spree. Gelassen, er hat getan, was er konnte: Die Netze sind ausgeworfen, vor Jahren schon. Das ist die Beute bisher: ein Kindermusical der katholischen Kirchengemeinde Heilig Geist, das Bernhard-Lichtenberg-Lied und ein illustriertes Lichtenberg-Buch für Kinder ab fünf Jahren. Alles ganz schön, aber es reicht nicht.

Was tun? Weitermachen.

Es ist drei Jahre her, dass Kleins Netz heftig unter Spannung geriet. Da kamen Männer zu ihm, katholisch wie er. Ein Freund von ihnen hatte Krebs, daraufhin flehten sie den toten Bernhard Lichtenberg an, er möge bei Gott ein gutes Wort für den Kranken einlegen. Kurz darauf war der Mann gesund. Dicker Fisch, ganz dicker Fisch. Wenn Klein den an Land gezogen hätte, seine Jagd wäre beendet gewesen. Er setzte sich hin und schrieb einen Brief an den einst Kranken. Ob sie sich mal treffen könnten, er hätte ein paar Fragen. Bald kam die Antwort: Nein, könnten sie nicht.

Angeln ist die schönste Form des Scheiterns. Dann muss man weitermachen, was bleibt einem auch übrig. Gotthard Klein ist 58 Jahre alt. Seit mehr als dreißig Jahren beschäftigt er sich mit Bernhard Lichtenberg, Domkapitular der katholischen St.-Hedwigs-Kathedrale in Berlins Mitte während des Dritten Reiches. Man kann wohl sagen, dass Klein alles von Lichtenberg hat und weiß, was man haben und wissen kann. Nur eine Sache hat er nicht, und solange das so ist, hat er eigentlich gar nichts: Gotthard Klein braucht ein Wunder, und die gibt es eben nicht immer wieder, sondern ziemlich selten, und das ist kein Witz.

Lichtenberg wäre der erste Berliner Heilige

Ohne Wunder ist es nämlich nichts mit der Heiligsprechung von Bernhard Lichtenberg, so sind die Regeln. Berlin im Jahr 2016: Ein Mann sucht ein Wunder. Um einen anderen Mann vom Seligen zum Heiligen zu befördern.

Heilige aus Berlin? Gibt’s das überhaupt?

Otto von Bamberg, Apostel der Pommern, mag hier vorbeigeritten sein, lange vor der Stadtgründung. Auch später haben berühmte Geistliche eine Weile in Berlin gelebt. Aber so einer wie Lichtenberg, der 1900 nach seiner Priesterweihe hier aufschlug, mit 24, und blieb? Den gibt es noch nicht auf dieser hohen Stufe der Himmelsleiter.

„Bolschewistischer Propagandist“. Die Nazis erkannten in Bernhard Lichtenberg (1875-1943) zu Recht einen Feind und verurteilten ihn unter anderem wegen „Kanzelmissbrauchs“.
„Bolschewistischer Propagandist“. Die Nazis erkannten in Bernhard Lichtenberg (1875-1943) zu Recht einen Feind und verurteilten...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Bernhard Lichtenberg: Katholik, kein Antisemit. Predigte von der Kanzel gegen das Unrecht. Einer, der sich gerade machte. Der 1930 zum Besuch des Antikriegsfilms „Im Westen nichts Neues“ aufrief und daraufhin ins Fadenkreuz des NS-Propagandaleiters Goebbels geriet. Drei Jahre später gewann Hitler die Wahl, bald darauf durchsuchte die Gestapo zum ersten Mal Lichtenbergs Wohnung. Wenn das einschüchtern sollte, dann hatte es nicht funktioniert: Lichtenberg machte weiter, opponierte gegen die Regierenden. Das reichte, um ins KZ zu kommen. Hätte gereicht, aber so weit kam er nie. Sondern starb 1943 auf dem Weg dahin. Er war denunziert worden, dann eingesperrt. Geschwächt nach knapp zwei Jahren in Haft, außerdem krank an Herz und Niere.

Lichtenberg – einer, der für seine Religion zu sterben bereit war, einer, der sich auf der Kanzel gegen die Verfolgung von Minderheiten starkmachte. Wichtig, auch so einen zu haben, als Vorbild, war ja eher die Ausnahme, damals. Erst recht in der Hauptstadt, wo Lichtenberg, längst schon im Visier der Machthaber, die weniger mutigen Katholiken mitunter in Bedrängnis brachte, wenn er auf der Ehrerbietung bestand, die ihm als Domprobst zustand. Da läuft also ein erklärter Staatsfeind durch die Stadt und will von anderen Katholiken gegrüßt werden. Nicht wenige, die die Straßenseite wechselten, wenn dieser Mann ihnen entgegenkam, sagt Klein, so war das, damals.

1996 sprach man Lichtenberg dafür selig, als Märtyrer. Selig ist die erste Stufe. Heilig das Ziel. Dafür braucht es ein Wunder, und Gotthard Klein soll es finden. Und wenn er es hat, dann geht die Arbeit eigentlich erst los. Denn Wunder werden untersucht, unterliegen strengen Kriterien und scharfen Abgrenzungen. Da haben sie Erfahrung in dieser Kirche, machen das schließlich seit ein paar Jahrhunderten. Am Anfang ist da ein Wunder, dann kommt ein behördlicher Verwaltungsakt – und am Schluss steht ein Heiliger. Klein hat kein Wunder, bisher. Aber er hat ein Büro voller Bücher und Regeln.

Also los. Wie macht man einen Heiligen?

Ein Wunder, das Klein nicht beweisen kann, ist keins

Klein ist zuständig für die Vorbereitungsarbeit: Er sammelt. Alles, was er in Sachen Lichtenberg bekommen kann. Berichte von Zeitzeugen, Dokumente, er untersucht Quellen und überprüft die Aussagen anderer, ob sie im zeitlichen Kontext stimmen können. Er ist der „Postulator“ der Berliner Diözese. Ein Ehrenamt, das ihm vor mehr als vier Jahren übertragen wurde. Als studierter Historiker und Archivar der Berliner Diözese beschäftigt er sich ansonsten mit allem, was die Kirche in Berlin so an Zeitdokumenten hat. Und immer wieder auch mit Lichtenberg. Man kann sagen: Klein ist überhaupt erst nach Berlin gekommen wegen Lichtenberg. Seit Mitte der achtziger Jahre lebt er hier, schon damals zuständig für das Verfahren zur Seligsprechung Lichtenbergs. Gotthard Klein ist die zentrale Schaltstelle für alle Bemühungen der Berliner Katholiken in Sachen Heiligsprechung von Lichtenberg.

Vor die Mystik hat der liebe Gott die Buchstaben gestellt. Ein Wunder, das Klein nicht beweisen kann, ist keins. Gotthard Klein, der Papiermensch – spürt er noch den Widerspruch?

Im Archiv. Gotthard Klein sammelt alle Akten und Dokumente, die mit Bernhard Lichtenberg zu tun haben.
Im Archiv. Gotthard Klein sammelt alle Akten und Dokumente, die mit Bernhard Lichtenberg zu tun haben.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Geht hier ja nicht um mich, sagt er, sondern um den da; also der da, der da als Bild an der Wand hängt: Lichtenberg im Porträt, strenger Blick. Choleriker war er, aufbrausend. Mal gucken, wie sein Kreuzberger Postulator sich so schlägt. Denn so kann man die Sache schließlich auch mal sehen: Ganz schöne Räuberpistole, die er da erzählt. Von Kranken, die gesund werden, weil ein Gott es so will. Da könnten sich Fragen stellen, nicht zuletzt dazu, was denn dann aus den Kranken wird, die krank bleiben. Warum hilft denn da niemand? Klein schlägt sich gut, hält Kurs, wenn die Skepsis aufzieht. Die Überzeugung sitzt, sitzt fest. Lichtenberg ist bei Gott und Gott ist im Himmel, sagt Klein, wenn man so sagen will. Und Klein will.

Er hat eine Art zu sprechen, die mehr mit Gesang zu tun hat als mit Reden. Stimme leicht angehoben im Satz, fällt betonend mit dem letzten Wort nach unten. Dazu der Rhetoriker-Klassiker: Setze ein „Äh“ vor die wirklich wichtigen Wörter und du hast dein Publikum. So geht der Gotthard-Klein-Sound. Stimme hoch: „Gott ist der, äh“, Stimme runter, „ganz Andere.“ Stimme hoch: „Gott hat etwas, äh“, Stimme runter, „Personales.“ Das sind die Überzeugungen, die für ihn Fakten sind. Auch die 100.000 Euro sind Fakt, die das Heiligsprechungsverfahren am Ende wohl kosten wird, gut ein Drittel davon hat er schon an Spenden eingesammelt, sagt Klein.

Das ist die Theorie: Selige sind im Himmel bei Gott und können da ein gutes Wort für die auf der Welt einlegen, wenn diese ein Problem haben. So wie für den Krebskranken, dessen Freunde dann zu Lichtenberg gebetet haben. Nun könnte man natürlich fragen, warum ein Katholik mit einem ernsten Problem nicht gleich zu Gott betet, da wäre immerhin sichergestellt, dass das Gebet auf schnellstem Weg den Richtigen erreicht. Aber nein: Katholiken treten im Gebet bei Gott gerne als Gemeinschaft auf. Je mehr, desto besser. Und Lichtenberg im Himmel ist dann ihr Fürsprecher. Einer mit dem kurzen Draht. Der Umweg über ihn zu Gott ist dann gar keiner. Sondern eher eine Abkürzung. Aber nur, wenn es funktioniert. Und wenn es funktioniert, dann wäre das ein Beweis dafür, dass sie auf der Erde mit ihrer Lichtenberg-Verehrung nicht so ganz falsch liegen.

Die Frage ist simpel: Wer ist mein Nächster?

Was wiederum bedeuten würde, dass er, Lichtenberg, wirklich ein guter Mensch gewesen ist. Was wiederum bedeuten würde, dass die Leute auf der Erde sich an seinem Leben ein Beispiel nehmen können. Und dann wird es wieder ganz irdisch bei Gotthard Klein: Von Lichtenberg können wir eine Menge lernen, sagt er. Die Frage ist an sich simpel: Wer ist mein Nächster? Eben diese Frage, die er damals zum Umgang mit jüdischen Menschen stellte. Eben diese Frage, die sich immer wieder neu stellt, sagt Klein, zu jeder Zeit, für alle Menschen.

Lichtenbergica. Gotthard Klein sammelt für das Bistum Dinge, die Bernhard Lichtenberg einmal berührt hat. Hier: ein Rosenkranz mit Kruzifix.
Lichtenbergica. Gotthard Klein sammelt für das Bistum Dinge, die Bernhard Lichtenberg einmal berührt hat. Hier: ein Rosenkranz mit...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Und das ist die Praxis: Klein sichtet Meldungen. Er bekommt ein wenig Post, es könnte gern noch mehr sein, aber bei diesen Dingen lässt sich ohnehin nichts erzwingen. Meldungen über erhörte Gebete. Da schreibt eine Frau aus Peru, dass der Haussegen nicht mehr schiefhängt, seitdem die Kinder an Lichtenbergs Grab in Berlin gebetet haben. Da meldet eine andere Frau aus Lissabon, dass ihr Portemonnaie gestohlen wurde und sie es später zurückbekam. Geld weg, aber das Bild von Lichtenberg noch drin. Da gibt es ein Kloster in Berlin, das eigentlich schon längst hätte geschlossen werden müssen. Aber es bleibt doch immer offen, weil zu Lichtenberg gebetet wird. Bereits Mitte der sechziger Jahre rief der Berliner Generalvikar auf dem Weg nach Bonn Lichtenberg im Himmel an, woraufhin ein Gefangenenaustausch zwischen BRD und DDR doch noch glückte. Lichtenberg hat ein Händchen für Gefangene. In einem anderen Fall ließ ein sowjetischer Soldat einen deutschen Gefangenen laufen, nachdem der Lichtenberg um Hilfe ersucht hatte. Alles ganz nett, aber kein Wunder. Anders gesagt: Nichts, was Gotthard Klein helfen könnte.

Was könnte denn helfen?

Der Trend geht stark in Richtung medizinisches Wunder, sagt Stefan Gatzhammer, der es wissen muss. Sitzt draußen am Griebnitzsee, in einem weiteren dieser Büros, die im Wesentlichen aus Büchern bestehen. Gatzhammer, der Kirchenrechtler. Angesiedelt an der juristischen Fakultät der Uni Potsdam, 51 Jahre, ein Mann mit Expertise. Sicher 15 Verfahren in Sachen Heilig- oder Seligsprechung, an denen er in der Vergangenheit beteiligt war. Hat Protokolle geschrieben, zu Akten beigetragen, kennt sich aus mit den Abläufen.

Zum Beispiel beteiligt in Sachen Anna Schäffer. Eine Magd aus einem bayerischen Dorf, die als Zwölfjährige bei der Kommunion Jesus ihr Leben als Opfer anbot. Vier Jahre später, im Sommer 1898, kam die Mitteilung von Jesus: Schon bald werde sie lange und schwer leiden müssen. Kurz darauf ein Arbeitsunfall, dann fast 25 Jahre im Krankenbett, zuletzt gelähmte Beine und Darmkrebs. Heilig seit Oktober 2012. Krankheit als Wunder.

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