Berlin : Katzenjammer

Norbert Thomma

Wenn es einen programmatischen Satz bei Leonardo Padura gibt, dann vielleicht den: „Eine Flasche Rum und eine Frau – beides je schärfer, desto besser – waren das schnell und radikal wirkende Heilmittel bei einer so übernatürlichen wie übermächtigen Depression.“ Mario Conde, genannt: El Conde, würde die Heilmittel sicher um einige andere erweitern. Der kubanische Kriminalbeamte im Rang eines Teniente würde sagen: Ein Baseballspiel und Zigaretten helfen auch. Am nächsten Morgen dann der Katzenjammer. Dagegen helfen Duralginas. Zwei, drei Stück, runtergespült mit Milch oder Kaffee oder Wasser.

Damit ist der Kosmos von El Conde schon beschrieben. Ein nicht mehr ganz junger, zunehmend schwerer Bulle in Havanna, kaputte Ehe hinter sich, der nicht immer weiß, ob sich das Leben noch lohnt. Er flüchtet gern zu seinem Kumpel, genannt „der dünne Carlos“. Den hat eine angolanische Gewehrkugel zum Rollstuhlfahrer gemacht, er wird ständig fetter. Seine Mutter Josefina kocht fantastisch, ein Wunder inmitten der Mangelwirtschaft. Nach dem Essen saufen sich die Jungs zu alten Beatles-Platten ins Koma. Dann wird eine ermordete Lehrerin gefunden. Marihuanadealer. Autoschiebereien. Korrupte Parteibonzen. Illegale Auslandsgeschäfte. Wie Kuba für einen Polizisten eben so ist. Nur hätte sich El Conde nicht in diese Rothaarige verknallen sollen. Prima Sex, kein gutes Ende. Er ist ein Meister der kriminalistischen Ermittlung und der unglücklichen Liebe. Und nebenbei erfährt man so vieles über das Leben in Kuba, Anfang der Neunzigerjahre. Der Schriftsteller Padura hat vier Krimis geschrieben, „Handel der Gefühle“ ist der zweite davon und ist der „Frühling“ des nach Jahreszeiten geordneten Havanna-Quartetts. Gut zu wissen: da kommt noch was!

Leonardo Padura: Handel der Gefühle. Krimi. Aus dem kubanischen Spanisch von Hans-Joachim Hartstein. Unionsverlag, Zürich. 250 S., 18,90 €.

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