Berlin : Kein bisschen müde

Doch Alfred Seppelt tritt nach 20 Jahren als Schachpräsident ab

Klaus Rocca

Am Foto von Bobby Fischer geht Alfred Seppelt auf der Geschäftsstelle des Verbandes in Mariendorf mit gemischten Gefühlen vorbei. Hatte ihn doch das einstige Schachgenie einmal, im August 1978, wütend aus Pasadena angerufen und ihn als „Verräter“ beschimpft. Tags zuvor war in einer Berliner Zeitung ein großer, auf Seite 1 angekündigter Artikel erschienen, in dem Seppelt seine Tage mit Fischer in Berlin schilderte. Dabei war der Weltmeister von 1972 bis 1975, von an Verfolgungswahn grenzendem Argwohn befallen, doch Mitte der Siebziger Jahre abgetaucht und hatte sich mit einer Aura des Mystischen umgeben. Nun also war Seppelt, der ihn aus früheren Tagen kannte und bei dem Fischer während seines Treffens mit seiner Mutter in Berlin unerkannt wohnte, an die Öffentlichkeit gegangen. „Es war ein großer Fehler von mir“, gesteht Seppelt heute.

Demnächst wird Alfred Seppelt seltener an Bobby Fischers Foto vorbeigehen. Ende des Monats scheidet er nach 20-jähriger Amtszeit als Präsident des Berliner Schachverbandes aus. Müde ist er noch nicht, obwohl er im Juli 75 Jahre alt wird.

Wehmut wird beim Abschied mitschwingen, doch ganz verschwindet Seppelt noch nicht von der Bühne des Schachs. Er wird seinem designierten Nachfolger Matthias Kribben beim Einarbeiten helfen. Und er wird seine Beziehungen spielen lassen, um das 14. Turnier „Politiker spielen Schach“ im November nicht zu gefährden. Als Organisator besonders dieses Turniers hat sich Seppelt, 1960 Berliner Meister und in der Bundesliga für verschiedene Klubs angetreten, einen Namen gemacht. Richard von Weizsäcker war dabei, Klaus Schütz, Wolfgang Thierse, Wolfgang Schäuble auch; Otto Schily lässt kaum ein Turnier aus. 1979 waren nur acht Politiker im Rathaus Schöneberg dabei, heute sind es meist über 60 im Hotel Berlin.

Bis 1998 war Seppelt auch Organisator des wohl größten Turniers der Welt, dem „Berliner Sommer“. Mit Erfolg. Aber auch angefeindet. Kritiker warfen ihm vor, er habe sich an dem Turnier bereichert, weil er Artikel aus seinem Schachvertrieb eingebracht und dafür kassiert habe. „Es war alles ganz offiziell. Ich hatte Sponsoren gefunden, die Schachartikel bei mir für das Turnier kauften. Auch der Senat und der Landessportbund haben bei mir gekauft“, sagt Seppelt, seit 28 Jahren ehrenamtlich für den Berliner Verband tätig.

Nun also endet seine Amtszeit. Vielleicht wird er danach Ehrenpräsident. Ein entsprechender Antrag liegt vor. Auf der Geschäftsstelle wird man ihn jedenfalls kaum noch sehen. Und Seppelt bleiben die gemischten Gefühle beim Anblick Bobby Fischers erspart.

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