Berlin : Kein Blick fürs Ganze

Thyssen-Krupps Neubaupläne am Schlossplatz werden zwiespältig aufgenommen Er entspricht dem historischen Stadtgrundriss Alt-Cöllns, doch den verwischt das Staatsratsgebäude.

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Ein Glaswürfel, abgeworfen auf den Schlossplatz, 14 Meter dicht an den Westflügel des Staatsratsgebäudes – ein kräftiges Bild hat der Industriekonzern Thyssen-Krupp am Donnerstag mit seinen Plänen für einen Neubau mitten im historischen Zentrum Berlins da vorgelegt. Das Bauland liegt vis-à-vis von zwei gewichtigen historisierenden Rekonstruktionsvorhaben: von Schloss und Bauakademie. Passt Schwegers Entwurf da hin – und warum darf hier überhaupt gebaut werden, auf Straßenland und Bürgersteig?

Weil sich der Senat an dieser Stelle mit dem Planwerk Innenstadt auf die historische Stadt besinnt. Wo heute Straße ist, lag in den 1930er Jahren der nördliche Rand des Schlossbezirks, der auf den Schlüterbau ausgerichtet war. Vor dem Schloss lag ein Platz, dessen westlicher Rand von einer Häuserzeile eingerahmt war, just hier, wo heute Straßenland ist. Und just hier soll der Neubau von Thyssen-Krupp entstehen auf zweieinhalb Parzellen der ursprünglichen Bebauung.

„Heute ist das aber kein Bauplatz mehr“, sagt Stadthistoriker Benedikt Göbel. Wegen des Staatsratsgebäudes: Das Baudenkmal aus DDR-Zeiten steht quer zum historischen Stadtgrundriss und unterbricht die Brüderstraße, die jahrhundertelang vom Schlossplatz zur Petrikirche führte. Sie verlief parallel zur heute noch bestehenden Breite Straße, die bis zum Dominikanerkloster führte, dessen Fundamente unterhalb des Bauplatzes von Thyssen-Krupp vermutet werden. Breite- und Brüderstraße waren auf der Spree-Insel die zwei Hauptachsen von Alt-Cölln, dessen Geschichte bis ins Mittelalter zurückgeht und wo manche die Wiege Berlins vermuten.

Das Staatsratsgebäude steht der Rekonstruktion des historischen Zustands im Wege. Wegen der Qualität des Baudenkmals fordert aber niemand dessen Abriss. Für Senatsbaudirektorin Regula Lüscher würde der Neubau von Thyssen-Krupp den Schlossplatz aber ähnlich gut „einfassen“ wie es die historischen Bauten einmal taten. Für ihren Vorgänger, Hans Stimmann, sorgt ein Neubau für die „kritische Rekonstruktion“ des Stadtgrundrisses: Ein Kompromiss, der die Wunden heilt, die Krieg und Planer der autogerechten oder paradegerechten Stadt hinterlassen haben.

Ähnlich soll der Stadtgrundriss auch in der Breite Straße wiederhergestellt werden. Die Plattenbauten aus der DDR-Zeit sind schon abgerissen. Die Grundstücke gehören dem Bund. Ein Viertel der nun ausgewiesenen Baufläche ist Berliner Straßenland. Der Bauplan sieht zwei Gebäudereihen mit Höfen vor, deren Vorbild die Hackeschen Höfe sind.

Kritisch rekonstruiert werden auch Molkenmarkt und Klosterviertel. Auf der Rückseite des Roten Rathaus lag einmal einer der ältesten Marktplätze Berlins, der große Jüdenhof und die Klosterkirche. Krieg und Verkehrsplanung der 60er Jahre haben deren Spuren weitgehend ausgelöscht. Durch die Verlegung der Grunerstraße ans Rathaus heran, die Anlage von Kreuzungen und schmaleren Fahrbahnen werden Bauflächen frei, die sich ebenfalls am historische Stadtgrundriss orientieren. Zurzeit arbeitet die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung an den Details dieser Pläne, die bald in Baurecht gegossen werden sollen.

Der frühere Senatsbaudirektor Stimmann wollte auch das Marienviertel rund um die Kirche mittelalterlichen Ursprungs kritisch rekonstruieren. Das Areal ist heute eine Brache. Kulturstaatssekretär André Schmitz ist ein glühender Anhänger dieser Idee. Verhaltener ist Regula Lüscher. Für die Brache zwischen Fernsehturm und Humboldtforum soll nun erst einmal ein Ideenwettbewerb ausgelobt werden.

Auch für die Umgebung des Schlosses soll ein Wettbewerb Ideen liefern, der Bund verantwortet als Bauherr nur das Humboldforum selbst. Streit ist auch hier programmiert: Wie weit soll der Freiraum dem historischen Vorbild folgen? Wie stark wird der Autoverkehr zurückgedrängt? Dass eine öffentliche Debatte über diese Fragen nicht längst geführt wird, erklärt den Aufschrei nach der Vorstellung des Glaswürfels von Thyssen- Krupp. Die zeitgenössische Architektur im Herzen der Stadt überrascht die Experten weniger. Auch das Einheitsdenkmal wird als radikal zeitgenössisches Kunstwerk angesehen, weshalb nach Auffassung der Senatsbaudirektorin der ebenso modernistische gläserne Neubau nicht einsam im sandsteinernen Berlin steht.

Dass sich der Senat aber nicht an eine Gesamtschau der historischen Stadt wagt und an Vorschlägen, wie sie rekonstruiert oder um Neubauten ergänzt wird, halten Stadthistoriker für das eigentliche Problem – mit verheerenden Folgen.

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