Berlin : Kein Geld? Bloße Ausrede

Katja Füchsel

Wehe, wenn der Mann mit Lotte, seinem deutschen Pinscher, im Kiez spazieren geht. Lotte, von eher gelassenem Gemüt, schnüffelt mal hier, mal da, doch Schauspieler Hans-Jürgen Schatz zählt still mit: Diese vergammelte Wiese! Die zugemüllte Brache! Die verstopften Gullys! Die zugewucherten Pflasterritzen! Zwei Seiten lang war die Mängelliste, die Schatz im Rathaus von Charlottenburg-Wilmersdorf abgegeben hat. Die Antwort des Stadtrats lässt sich auf eine kurze Formel bringen: kein Geld. Schatz schnauft. „Eine sehr bequeme Ausrede!“

Hans-Jürgen Schatz (47) lebt in Wilmersdorf, wie viele seiner Kollegen, wie einst die Schriftsteller Erich Kästner und Heinrich Mann, die Schauspielerinnen Lilian Harvey und Tilla Durieux, die Komponisten Gerhard Winkler und Leon Jessel. „Können so viele Fliegen lügen?“, fragt Schatz – und erwartet keine Antwort. Der Schauspieler, der in 80 Kino- und Fernsehfilmen mitgewirkt hat und dem seine Rolle im „Fahnder“ den Grimme-Preis einbrachte, hat gerade Probenpause, macht sich in der Güntzelstraße über seine überbackenen Zucchini her. Mal schimpft er über seinen Bezirk, mal schwärmt er. Weil man hier noch lebt „wie aufm Dorf“, weil die Häuser so alt, die Wohnungen so hoch und die Bäume so mächtig sind . . .

Zur Arbeit hat es Schatz, der „begeisterte Fußgänger“, derzeit auch nicht weit, am 3. September feiert er in der Komödie am Ku’damm mit dem „Menschenfeind“ Premiere. An „seinem“ Kurfürstendamm, dieser einst ganz besonderen Flaniermeile, wo man auch in den Nebenstraßen Antiquitäten fand, Boutiquen, einzigartige Cafés und Restaurants. Und heute? „Weil keiner die Mieten mehr zahlen kann, sieht man nur noch Ladenketten“, sagt Schatz, während er auf sein Gemüse einsticht. „Im Café Schilling verkaufen sie unter einer Stuckdecke T-Shirts! Katastrophe!“

Einzigartiges – davon habe es hier früher so vieles gegeben, doch im Laufe der Jahre erlag es der Profitgier. Und wenn der Regierende Bürgermeister die Existenz der Ku’damm-Theater nicht zur Chefsache erkläre, drohe auch hier ein nicht gutzumachender Verlust. Er plädiere nicht dafür, dass sich der Staat überall einmische, aber: „Die Politik muss sich um die Gestaltung unseres Lebensraumes kümmern.“

Kein Geld, kein Geld – Schatz wirft wieder mit Ausrufezeichen um sich: Mal nachdenken! Machen! Tun! Hans-Jürgen Schatz darf schimpfen, denn keiner kann zählen, wie oft er für einen guten Zweck schon gelesen hat. Der Schauspieler engagiert sich für die Liebermann-Gesellschaft, das Schloss Britz, den Dombau- und Schlossbauverein . . . Warum, fragt er, gelinge es Privatleuten, aber nie Politikern Gelder aufzutreiben? Er merke immer wieder, dass es „sehr, sehr viele Menschen“ gebe, die sich engagieren wollen, mit Rat, Tat oder Geld, sie bräuchten nur einen Anstoß. Und das, sagt Schatz, sollte doch für Politik „die vornehmste Aufgabe“ sein: die Menschen zum Engagement in ihrem Kiez zu motivieren. Nur er selbst habe sich eines ganz fest vorgenommen: „Ich trete nirgendwo mehr ein.“

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