Berlin : Kein Grund zu verzweifeln, kein Grund zu jubeln

Die Experten reden Klartext: Das Virchowklinikum soll ein normales Krankenhaus werden, das Benjamin Franklin weiter forschen. Abwarten und um den Job zittern ist die Losung in Wedding. Und am UKBF fühlt sich keiner als Sieger. Denn wer weiß, was die Zukunft bringt

Tanja Buntrock

Da hat sie tagelang mit einer Erkältung das Bett gehütet, tritt gestern morgen wieder ihren Dienst in der Allgemeinen Chirurgie am Virchow-Klinikum in Mitte an, und nichts als schlechte Nachrichten erwarten sie. Von ihren Kollegen erfährt die Krankenschwester, die nicht mit Namen in der Zeitung erscheinen möchte, dass mehrere tausend Mitarbeiter um ihren Job bangen müssen. Das Virchow-Klinikum soll seine Forschung verlieren und zum städtischen Krankenhaus degradiert werden.

Das Thema ist seit dem Wochenende Flurgespräch. Da sickerte durch, was die Expertenkommission gestern offiziell bekannt gab. Die 40-jährige Krankenschwester arbeitet schon seit 20 Jahren am Virchow-Klinikum. Jetzt macht sie sich ernsthaft Sorgen. „Der Druck ist doch erheblich“, sagt sie während ihrer Mittagspause und zieht nervös an ihrer Zigarette. Dass die Umstrukturierungen erst im Jahr 2010 greifen sollen, beruhigt sie nicht. „Man weiß doch gar nicht richtig, wie es weitergeht.“

Die beiden Putzfrauen, die sich für ihre Kaffee- und Rauchpause in eine der Eingangshallen des Klinikums zurückgezogen haben, kennen diese Unsicherheit zur genüge. „Wir haben schon so viel Hin und Her im Laufe der Jahre miterlebt, uns kann nichts mehr so leicht schocken.“ Dennoch sind sie nicht glücklich über die kursierenden Gerüchte. Die beiden 57-Jährigen finden, sie seien „für die Rente zu jung und für einen neuen Job zu alt“. Sie wollen sich nicht verrückt machen lassen und warten die für heute anberaumte Personalversammlung ab. „Die werden uns ja hoffentlich genauer sagen wie es weitergeht.“

Nicht jeder Mitarbeiter im Virchow-Klinikum schafft es, so viel Gelassenheit zu bewahren. Der Direktor der Unfall- und Wiederherstellungschirurgie, Norbert Haas, hat am Wochenende noch an einem Kongress in Kanada teilgenommen. Per Handy hätten ihn seine Mitarbeiter angerufen, nachdem sie von den Plänen der Expertenkommission aus der Zeitung erfahren hatten. „Die Verunsicherung bei den Mitarbeitern ist verständlich“, sagt Haas. Er selbst hält den Vorschlag, die Forschung am Standort Wedding abzuschaffen für „so absurd, dass man es gar nicht glauben kann“. Das Klinikum sei eines der modernsten überhaupt. „Unter Beistand des Wissenschaftsrates gebaut“, sagt er.

Man kann etwas vorweisen. Georg Duda, Forschungsleiter aus Haas’ Abteilung, führt bereitwillig durch die Räume des Forscherhauses am Virchow-Klinikum. „Ein Multi-User-Haus“, sagt er stolz. Bedeutet, dass hier jeder Wissenschaftler des Klinikums forschen kann, der dafür Geld von außen, so genannte Drittmittel, erhalten hat. Die Klinische Forschergruppe der Unfall- und Wiederherstellungschirurgie hat allein zehn Millionen Euro eingeworben. „Solch ein Gutachten ist für uns rufschädigend“, ist Duda überzeugt. „Wir können nur forschen, wenn wir an ein Uni-Klinikum angebunden sind. Als städtisches Krankenhaus würden wir unsere Drittmittel verlieren. Das wäre das Aus.“ Die Verunsicherung ist groß, auch wenn noch nicht klar ist, wie es weitergehen wird. Die Konsequenz glaubt Duda schon jetzt zu kennen: Junge Forscher überlegten sich ganz genau, ob sie überhaupt noch nach Berlin kommen sollen.

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