Berlin : Kein Platz mehr fürs sündige Leben

Mit Mark Twain im Luftschiff. Erst verrucht, dann ruhig. Und oft eine Baustelle: Wie sich der Alex mit den Jahren verändert hat

Lothar Heinke

„Die Romantik der Kaschemmennächte bricht am Bahnhof Alexanderplatz, Ausgang Münzstraße, ein und überwuchert groß, schwellend, die Gegend, ich glaube, die ganze Welt“, schreibt Joseph Roth anno 1921 und fährt fort: „Zu dem Wesen dieser Kaschemmennächte gehört die Neue Schönhauser Straße, aus deren Pflastersteinen, als wären es Laternenpfähle oder sonst wie der Straße gehörende Gegenstände, Zuhälter und ihre Mädchen wachsen, und auch die Polizeidirektion, deren Tore bereits zu sind und von zwei Grünen bewacht. Die Sehnsucht dieser zwei Schutzpolizisten ist eine Zigarette, die man nicht rauchen darf im Dienst, oder eine Stunde im rötlich angehauchten Lokal...“ Da war ganz schön etwas los am Alex, damals, und wenn man es recht bedenkt, ist nur noch die Polizei übrig geblieben, von Kaschemmen keine Spur, die Mädchen stehen woanders und die Zuhälter fahren dicke Schlitten, aber nicht am Alex.

Über diesen sagenumwobenen Platz gibt es jetzt ein neues, schön gestaltetes Bilderbuch aus dem Christoph- Links-Verlag, das uns den Ort, auf den alle großen Straßen des Ostens fast schnurgerade zulaufen, verständlicher und sogar sympathischer macht, als wir ihn derzeit empfinden. Die Großbaustelle Alexanderplatz ist dennoch eine nur kurz aufblinkende Zeiterscheinung, den Phasen der Ruhe folgten immer unruhige Zeiten. Entweder haben sich die Menschen wie die Maulwürfe in die Erde hineingebuddelt und U-Bahn-Schächte oder Tiefbunker ausgehoben („Centrumslinie“ hieß die U-Bahn-Strecke, die ab Juli 1913 vom Wittenbergplatz bis Nordring führte). Oder sie wollten hoch hinaus mit Hotels, Markthallen und Warenhäusern. Mittendrin stand die Berolina, jenes Kolossalweib à la Germania, das so herrisch wie grazil die linke Hand ausstreckte. „Wo zeigte sie hin?“, fragt der Autor Gernot Jochheim. „Die Antworten reichen von einem Hinweis auf eine Bedürfnisanstalt bis zur Richtungsanzeige zum Obdachlosenasyl am Prenzlauer Berg.“

Von all dem geblieben ist nurmehr der S-Bahnhof, das Alexander- und das Berolinahaus, zu DDR-Zeiten erhielt der Platz seine unwirtliche Weite, der verantwortliche Chefarchitekt begründete 1971, weshalb kein Nachtleben (wie früher) eingeplant war: „Wir haben uns nicht die Aufgabe gestellt, den Amüsierbetrieb des Kurfürstendamms oder den hektischen Rummel des Place Pigalle nachzuahmen. Der Alex ist im Gegensatz zu einer kapitalistischen City kein Tummelplatz für reiche Müßiggänger, sondern ein Platz für die Muße arbeitender Menschen.“ Langeweile muss nicht übertrieben werden: Die Neugestaltung lässt auf eine dritte große Begegnungsstätte hoffen – nach dem Breitscheid- und dem Potsdamer Platz. Aber wann?

— Gernot Jochheim: Der Berliner Alexanderplatz. Christoph Links Verlag, Berlin, 208 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 29 Euro.

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