Berlin : Keine Chance für die Kartoffelkönigin

Gebürtiger Sudanese hat die beste Raspeltechnik und wird auf der Grünen Woche deutscher Meister im Kartoffelschälen

Thomas Loy

Titus Dickson ahnt noch nicht, was er angerichtet hat. Er strahlt schuldlos in die Kameras und sagt einfach immer dasselbe: „I’m very happy to be the number one for Kartoffelschälen.“ Titus Dickson, ansässig in Potsdam, gebürtig aus dem Sudan, wurde gestern auf der Grünen Woche Deutscher Meister im Kartoffelschnellschälen. Gegen die hochfrequente Raspeltechnik des Afrikaners aus Brandenburg hatte die Konkurrenz keine Chance. Die Kartoffelkönigin aus Sachsen-Anhalt schaffte nicht mal halb so viele Knollen. Die traditionelle Hauswirtschaft ist bloßgestellt. Den Hausfrauenverbänden steht eine Phase der Selbstprüfung bevor.

In der Halle 20 haben sich lange vor dem Wettbewerb Fangruppen aus Bremen, Schleswig-Holstein und Hessen postiert. Die Schleswig-Holsteinerinnen, Auszubildende der Landfrauenschule Hademarschen, singen sich nach Art der Wikinger warm. „Wir reißen Bäume aus, wo keine sind, ja, das stimmt.“ Die Hessen haben bedruckte Schilder mitgebracht: „Christa for Hessen.“ In ihrer Hymne geht es darum, Mond und Mars für das Hessentum zu gewinnen. Die Bremer stehen etwas entfernt auf einer Balustrade. Ihre Chorgesänge dringen kaum durch. Dann treten die Kandidaten der Bundesländer auf, überwiegend aus Gastronomie und Landwirtschaft. Einige haben sich in Vorausscheiden qualifiziert, andere wurden einfach so ins Rennen geschickt.

Kartoffelschnellschälen ist noch keine olympische Disziplin, löst aber eine überaus fernsehtaugliche Dynamik aus. Der erste Durchgang dauert nur drei Minuten. Zwei Moderatoren stacheln die Fangruppen an, brüllen Zwischenergebnisse ins Mikrofon und quatschen die Kandidaten von der Seite an. Jörg Ertl, Imbissbetreiber und Berliner Kandidat, ringt sich ein Lächeln ab und schon fällt ihm eine Kartoffel auf den Boden. Es mangelt ihm an Ernsthaftigkeit. Titus Dickson zeigt dagegen verbissenen Ehrgeiz, ist ganz allein mit sich und seinen Kartoffeln. Im Vorjahr wurde er Zweiter. Diesmal will er den Sieg und einen 500-Euro-Scheck der Agrar-Marketinggesellschaft CMA nach Hause tragen. Eine Jury prüft und wiegt die geschälten Kartoffeln.

Nordrhein-Westfalen, Berlin und Brandenburg gehen ins Stechen. Nochmal drei Minuten. Titus Dickson legt sich seine Kartoffeln im Korb zurecht. Was zu viele Augen hat, räumt er beiseite. Die anderen Kandidaten bereiten sich eher mental vor. Ertl gibt zu, in der vorigen Nacht schlecht geschlafen zu haben. Die zweite Raspel-Runde läuft schlechter für ihn. Seine Kartoffeln haben zu viele Augen, von denen er zu wenige auskratzt – die Jury zieht zwei Knollen vom Ergebnis ab.

Bei Titus Dickson ist dagegen alles sauber und kochfertig abgefräst. Anders kennt er das nicht. Der 40-Jährige arbeitet in der Küche des „Gasthofs zur Linde“ in Wildenbruch am Großen Seddiner See. Er sei der „beste Mann in der Vorbereitung“, sagt sein Chef und Coach Ralf Weißmann, auch sehr fleißig und ein großer Stratege beim Aufräumen des Küchen-Chaos. Das Kochen übernehmen dann die Kollegen. Mit 1830 Gramm nackter Knollen wird der Sudanese Deutscher Meister. Er reißt die Arme hoch, winkt ins johlende Publikum. Nun muss man nur noch wissen, warum die Vorjahressiegerin, Regina Storch aus Berlin, 3700 Gramm geschafft hatte. Frank Fölsch vom CMA-Pressebüro weiß auch darauf eine Antwort: „Die Kartoffeln waren größer.“ Champion-Coach Weißmann weiß noch mehr. Im letzten Jahr hätte die Jury geschlampt und unsauber geschälte Kartoffeln durchgehen lassen. Diesmal habe er erheblichen Druck auf die Juroren ausgeübt, wohl wissend, dass niemand Akkuratesse und Schnelligkeit an der Kartoffel so perfekt beherrscht wie Titus Dickson.

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